"Warum habe ich überlebt?" – Seite 1

Morgens um elf Uhr, am Tag der Deutschen Einheit, öffnen Anne und Nikolaus Schneider die Tür zu ihrer Privatwohnung in Berlin-Friedenau. Sie sind selbst eben erst zurückgekehrt. Am Abend zuvor wurde nur wenige Hundert Meter entfernt eine Weltkriegsbombe gefunden, zehntausend Berliner mussten evakuiert werden, auch die Schneiders. Sie kamen bei einem befreundeten Pfarrer unter.

Frage: Frau Schneider, Sie sind 2014 an Brustkrebs erkrankt. Die Öffentlichkeit hat mit Ihrem Tod gerechnet. Wie geht es Ihnen heute?

Anne Schneider: Ich gelte als geheilt. Einmal in der Woche muss ich zur Physiotherapie, damit nichts versteift. Aber das ist Killefit, nicht der Rede wert.

Frage: Wie wurden Sie geheilt?

Anne Schneider: Ich verdanke meine Gesundheit den Ärzten und dem Glück, dass mein Körper auf die Antikörper-Behandlung angesprungen ist. Ich glaube nicht, dass meine Heilung direkt etwas mit Gott zu tun hat. Er hat kein Büchlein, in dem steht, wie lange man leben darf.

Nikolaus Schneider: Bist Du Gott nicht dankbar dafür, dass er dir eine neue Lebensphase geschenkt hat?

Anne Schneider: Sicher. Aber die Frage ist doch: Warum habe ich überlebt? Parallel zu mir erkrankte auch der ehemalige Bischof von Braunschweig, Friedrich Weber. Wir haben hin und wieder telefoniert. Seine Chancen standen genauso gut wie meine. Aber sein Blut hat sich von der Behandlung nicht erholt. Seine Leukozyten kamen einfach nicht hoch. War das auch Gottes Werk? Das glaube ich nicht.

Frage: Gott ist nicht dazu da, um zu heilen?

Anne Schneider: Nein, das ist eine Wunschvorstellung. Die Nähe zu Gott bewirkt nicht unbedingt körperliche Gesundheit, nicht unbedingt äußere Schönheit und Erfolg. Wer so denkt, wird nie Gottvertrauen entwickeln. Das Heil und die Heilung, die ich mir von Gott wünsche, beziehen sich auf meine Fähigkeit zu hoffen, zu glauben und zu lieben.

Nikolaus Schneider: Die Menschen fragen bei der Beziehung zu Gott zu oft nach äußerer Wirkung. Nähe ist aber etwas anderes als sichtbare Wirkung.

Anne Schneider: Oft kommen Menschen zu mir, die für mich gebetet haben, und sagen: "Sehen Sie, das Beten hat geholfen." Wenn mir die Leute sehr wichtig sind, widerspreche ich ihnen. Das Beten hilft und es trägt einen. Aber es heilt einen nicht unbedingt. Es ist nicht das ständige Happy End, das belegt: Gott ist da, Gott liebt dich. Das ist nur schwer zu vermitteln – und noch schwerer zu leben.

Frage: Mit welchen Reaktionen wurden Sie sonst noch konfrontiert?

Anne Schneider: Viele Menschen haben mir per Post Ratschläge geschickt: Ich solle keine Chemo machen, mich nicht operieren lassen, sondern lieber zu den Engeln beten. Andere psychologisierten die Krankheit, schrieben, ich hätte wohl den falschen Mann oder den falschen Lebensstil. Sie haben mir Diäten vorgeschlagen: Ich sollte den Zucker weglassen, Beeren essen oder fasten. Irgendwann habe ich aufgehört, darauf zu antworten. Mein Arzt sagte: Kloppen Sie das einfach in die Tonne.

Nikolaus Schneider: Mir hat ein Mann geschrieben, der sich für sehr fromm hält: Ich solle doch endlich mal darüber nachdenken, was Gott mir sagen will und womit Gott in meinem Leben nicht einverstanden ist. Weil ja schon meine Tochter Meike 2003 an Krebs gestorben sei und nun auch meine Frau vom Tod bedroht sei – und ich offensichtlich mein Amt so schrottig ausgeführt habe ...

Anne Schneider: ... schrottig hat er nicht geschrieben ...

Nikolaus Schneider: ... aber indirekt.

Frage: Haben Sie geantwortet?

Nikolaus Schneider: Nein. Was soll man darauf antworten? Selbst wenn einer das denkt – so etwas zu schreiben ... Das ist bodenlos.

Frage: Wie haben Sie sich auf den Tod vorbereitet, Frau Schneider?

Anne Schneider: Ich habe einen Freund angerufen und ihn gebeten, mich zu beerdigen. Ich habe mir vorgestellt, dass wir die Beerdigungsfeier in unserer rheinischen Kirche abhalten und nicht in Berlin. Wir haben eine Gruft in Kaiserswerth, bei Meike. Außerdem habe ich einen Spruch ausgewählt: "Ich bin gewiss, dass mich nichts scheiden kann von der Liebe Gottes." Bei den Liedern schwanke ich immer.

Frage: Sie sprachen sich öffentlich für Sterbehilfe aus.

Anne Schneider: Ich habe gesagt: Wenn gar nichts mehr geht, werde ich in die Schweiz fahren. Das war aber nur ein politisches Statement. Ich wäre nicht irgendwo hingefahren, ich wollte zu Hause sterben. Befreundete Ärzte hätten mir die Medikamente gegeben.

Nikolaus Schneider: Aber erst einmal wollten wir kämpfen, alles versuchen.

"Beziehungen sind wichtiger als Ämter"

Frage: Sie sind von Ihrem Amt zurückgetreten.

Nikolaus Schneider: Ich habe nie daran gezweifelt, dass die Entscheidung richtig war. Ich war damit völlig identisch. Als die Behandlung bei Anne so gut angeschlagen hat, war all die Zeit, die ich bereitgestellt hatte, zwar gar nicht nötig, aber das konnten wir nicht wissen. An guten Tagen sind wir in den Spreewald gefahren oder ins Kino gegangen, an schlechten Tagen habe ich Anne Wadenwickel gemacht.

Anne Schneider: Ich musste Nikel innerhalb von drei Tagen in die Geheimnisse des Haushaltes einführen, wie die Waschmaschine funktioniert, die Spülmaschine. Wir leben das klassische Rollenmodell, ich koche und wasche, er kümmert sich um Auto und Versicherung. Bisher glich sich das immer aus. Aber während der Behandlung durfte ich ja nicht mal die elektrische Brotschneidemaschine bedienen, so daneben war ich. Wir haben sogar einen Tischgrill gekauft, damit er sich mal etwas brutzeln kann. Der kam dann aber nie zum Einsatz.

Nikolaus Schneider: Als Anne von der Diagnose erzählte, wusste ich, was auf uns zukommt. Wir hatten das bei Meike ja schon einmal erlebt. Mir war klar: Da muss sich einer kümmern. Und mir war auch klar, wer: ich nämlich. Wer sonst? Wir sind jetzt fast fünfzig Jahre verheiratet.

Frage: Wie hat der Rat der EKD reagiert?

Nikolaus Schneider: Der Rat hat sich toll verhalten. Das war nicht nur irgendein Gremium, das war für mich eine tragende Gemeinschaft. Es gab nur zwei Stimmen im Rat, die gefragt haben, ob ich das wirklich will. Ablenkung sei ja nicht nur schlecht, und es gäbe ja auch Projekte, die mir wichtig seien. Aber ich wusste, dass diese Projekte nicht die Wertigkeit unserer Beziehung haben. Darüber hinaus bekam ich auch von anderen Menschen Bestätigung und Ermutigung. Politiker aus der obersten Etage meinten, das wäre ein wichtiges Zeichen.

Anne Schneider: Wir mussten allerdings bei einigen klarstellen, dass der Rücktritt kein finanzielles Opfer war. Der Ratsvorsitz ist ein Ehrenamt. Es war eher eine Frage der Macht und des Ansehens.

Nikolaus Schneider: Ich war bereits Pensionär, sonst wäre der Rücktritt finanziell eine ganz andere Nummer gewesen. Wir wollen uns nicht zu Helden stilisieren.

Anne Schneider: Als bei Meike 2003 Leukämie diagnostiziert wurde, wollte ich aufhören zu arbeiten, um sie zu betreuen. Doch ohne finanziellen Ausgleich war das nicht möglich. Im Krankenhaus gaben sie mir auch zu verstehen, dass wir viel mehr Geld brauchen würden als sonst. Meine Schule kam mir zum Glück sehr entgegen und legte all meine Wochenstunden auf drei Tage. Mein halbes Gehalt war dann auch dringend nötig. Wir mussten etwa eine Wohnung in Leipzig mieten.

Nikolaus Schneider: An Sparen war damals überhaupt nicht zu denken.

Frage: Herr Schneider, der Rücktritt gilt als eines der bleibenden Zeichen Ihrer Amtszeit. Hat Ihnen der bevorstehende Tod Ihrer Frau, im Nachhinein betrachtet, auch eine gewisse Macht verliehen?

Nikolaus Schneider: Ja, die Macht zu leben, was ich bisher gepredigt habe: Beziehungen sind wichtiger als Ämter.

Anne Schneider: Dein Rücktritt bleibt im Gedächtnis, ähnlich wie auch bei Margot Käßmann. Mehr als es ein Familienpapier je könnte.

Nikolaus Schneider: Na ja, wir haben das Diakonische Werk und den Evangelischen Entwicklungsdienst zusammengelegt, das war ein kirchengeschichtliches Ereignis. Aber ja, das war eher innerkirchlich. Insofern ist der Rücktritt ein stärkeres Zeichen.

Anne Schneider: Ein Zeichen, wofür?

Nikolaus Schneider: Erstens, wie schon gesagt, dass die Beziehung wichtiger ist als das Amt. Dass es zweitens möglich ist, diesen Wert zu leben, dass Einzelne in ihrer persönlichen Entscheidung das tatsächlich umsetzen. Dass drittens die Kirche und die Öffentlichkeit so etwas nicht nur verstehen, sondern auch mittragen und begrüßen. Und letztlich, dass wir nicht nur irgendwie vom Glauben reden, sondern dass er auch eine Dimension des gelebten Lebens ist, die sich auswirkt.

Frage: Welchen Sinn hat das Leben angesichts des Todes überhaupt?

Anne Schneider: Es lohnt sich doch nicht immer nur, was bleibt! Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass ich Meike geboren habe? Ich hatte mit ihr vor der Krankheit, aber auch in der Krankheit und im Sterben eine solch intensive Mutter-Tochter-Beziehung, wie ich sie mit unseren beiden anderen Kindern nicht haben kann. Gerade diese Begrenztheit und das Wissen darum haben sich positiv ausgewirkt.

"Der Tod kann einen brechen"

Frage: Hat Ihr eigenes Leben durch die Erfahrung der Todesnähe an Sinn gewonnen?

Anne Schneider: Dass ich selbst eines Tages sterbe, macht mir im Alltag keine Schwierigkeiten. Viel schwerer fällt mir das Altern an sich, wenn ich in den Spiegel gucke und merke, wie mir die Spannkraft und Energie abhandenkommen – das berührt auch mein ästhetisches Empfinden (Nikolaus Schneider streichelt ihre Hand). Trotzdem lohnt sich das Leben im Alter, weil mir deutlich wird, was wirklich zählt. Wir halten die Endlichkeit und Vergänglichkeit im Blick, aber unser Leid ist eingebettet in so viel Glück und Nähe. Ich weiß natürlich, dass das nur meine persönliche Empfindung ist. Menschen können so schreckliche Erfahrungen machen, dass es keinen Trost gibt. Der Tod kann einen brechen.

Nikolaus Schneider: Der Beitrag eines einzelnen Menschen auf dieser Welt ist winzig, für das Universum völlig bedeutungslos. Darüber kann man verzweifeln, zynisch werden, egoistisch und heroisch. All das ist nicht meins, das ist nicht unsers. Wir sehen das Leben eingebunden in einen größeren Zusammenhang, und natürlich reden wir dann auch von Gott, der das Leben umfasst, der unseren winzigen Beitrag zu einem Ganzen hinzufügt. In dieser Gewissheit kann ich mit der Vergänglichkeit gut zurechtkommen, ohne zu resignieren.

Frage: Hilft der Glaube in der konkreten Situation?

Nikolaus Schneider: Zunächst gilt: Wenn Sie einen Menschen verlieren – das bleibt furchtbar. Es ist abgründig.

Anne Schneider: Wir hatten das Glück, zu erleben, dass das, was wir glauben und hoffen, uns auch trägt.

Frage: Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie den Krebs überleben würden?

Anne Schneider: Es hat einige Wochen gedauert. Ich war an inflammatorischem Brustkrebs erkrankt, meine linke Brust war geschwollen und rot. Die Ultraschallbilder zeigten, dass die Krebszellen in den Lymphbahnen saßen. Nach drei Wochen schien die Behandlung anzuschlagen, aber wir waren nicht euphorisch. Wir hatten Angst vor einem Rückschlag. Erst nach neun bis zehn Wochen hat uns der Arzt signalisiert: Die Behandlung wirkt. Da habe ich mich ein bisschen aufs Leben eingestellt.

Nikolaus Schneider: Aber du hast Zeit gebraucht, um dem Leben wieder zu vertrauen.

Anne Schneider: Meike hatte neun Chemophasen, und jedes Mal haben die Ärzte gesagt: Es sind keine Krebszellen mehr erkennbar.

Nikolaus Schneider: Sie ist zweimal als geheilt entlassen worden. Am Ende musste sie doch sterben, mit nur 22 Jahren.

Anne Schneider: Es ist für meine Erfahrung, meine Empfindung etwas anderes, wenn ein junger Mensch stirbt. Ich habe mein Leben gelebt. Für mich fühlt es sich jetzt an wie geschenkte Zeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich unbedingt noch länger leben muss.

Nikolaus Schneider: Aber du würdest sofort wieder eine Chemo machen.

Anne Schneider: Ich hätte jetzt wieder die Kraft, mich dem zu stellen. Aber die Welt würde für mich nicht zusammenbrechen, wenn ich sterben müsste. Vielleicht ist es besser, in fünf Jahren kommt der Krebs zurück, als dass ich mit 90 Jahren Alzheimer kriege.

Nikolaus Schneider: Anne! Was sind das für Spekulationen?

Frage: Es klingt etwas pessimistisch.

Anne Schneider: Mir hilft das.

Nikolaus Schneider: Jaja, da sind wir unterschiedlich.

Anne Schneider: Wenn man so verbunden ist wie wir beide, ist es eigentlich ein Glück und ein Segen, wenn man als Erster stirbt. Weil man den anderen hat. Das kann keiner ersetzen. Kein Kind, kein Enkel, keine Krankenschwester.

Frage: Was halten Sie von dem Sprichwort, man müsse jeden Tag so leben, als wäre es der letzte?

Anne Schneider: Ich ganz viel. Das führte in unserer Ehe manchmal zu Schwierigkeiten. Ich weiß ja nicht, ob ich überhaupt einmal Zeit habe, das Ersparte aufzubrauchen. Also mache ich lieber schöne Reisen, als mir ein Eigenheim zu kaufen. Da tickt Nikel etwas anders. Aber wir haben uns über die Jahre arrangiert. Wir sind nicht verschuldet, haben aber auch keine Reichtümer angehäuft. Als ich im Sommer 2014 krank wurde, bedeutete das allerdings auch, dass keine großen Reserven da waren.

Nikolaus Schneider: Es ist vernünftig, jetzt und im Heute zu leben und sich das Heute nicht nehmen zu lassen, weil man ständig auf ein Morgen wartet. Jetzt und im Heute so zu leben, als ob es ein Morgen nicht gäbe, ist nur sehr begrenzt vernünftig.

Anne Schneider: Das ist wie mit Luthers Apfelbäumchen: Es trägt eben erst Jahre später Früchte.

Nikolaus Schneider: Mit einem gewissen Weitblick zu leben ist nicht falsch. Aber wenn alles jetzt und sofort sein muss – das wäre ja ein furchtbarer Stress!

Anne Schneider: Nikel hat sich schon als junger Pfarrer mit Terminen zugepackt und immer gesagt: Wenn erst mal die Konfirmation vorbei ist, wenn erst mal Sommerferien sind, dann! Bis ich dann nach zwei Jahren sagte: Das kommt nie. Ein bisschen ist das noch heute so. Du machst dir einfach zu viele Termine.

Nikolaus Schneider: Ich habe noch viel vor. Ich habe mich mit dem Ruhestand noch nicht abgefunden.

Anne Schneider: Ich würde unseren Ruhestand lieber mit privaten Reisen genießen statt mit Kirchenterminen.

Frage: Das klingt so, als hätten Sie früher doch mehr sparen sollen, Frau Schneider.

Anne Schneider: Vielleicht. Vieles wäre aber auch nicht gegangen, wenn wir gespart hätten. Nikolaus ist leidenschaftlich gern Ski gefahren. Wir mussten aber früh feststellen, dass es mit Familie nur für einen Urlaub pro Jahr reicht. Da haben die Kinder und ich uns mit Sommerurlaub durchgesetzt. Wenn dann mal ein wenig Geld übrig war, haben wir ihm einen Skiurlaub geschenkt. Zum Sparen hat es dann nicht gereicht.

Frage: Aber ist das nicht riskant?

Anne Schneider: Na ja, wir leben ja in einem Staat, der uns beiden eine gute Pension ermöglicht. Aber andere Eltern hinterlassen ihren Kindern vielleicht Häuser oder verschenken Autos.

Nikolaus Schneider: Das wird es bei uns nicht geben.

Frage: Hat sich an Ihrer Einstellung durch Ihre Erkrankung etwas geändert?

Anne Schneider: Mit dem Tod vor Augen fragt man natürlich schon: War es gut, wie wir gelebt haben? Das kann ich mit Ja beantworten. Ich habe großes Glück, dass Nikel zurückgetreten ist, ohne dass ich es von ihm verlangt hätte. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er hat mir nie das Gefühl gegeben, sich für mich aufzuopfern.