Frage: Hat Ihr eigenes Leben durch die Erfahrung der Todesnähe an Sinn gewonnen?

Anne Schneider: Dass ich selbst eines Tages sterbe, macht mir im Alltag keine Schwierigkeiten. Viel schwerer fällt mir das Altern an sich, wenn ich in den Spiegel gucke und merke, wie mir die Spannkraft und Energie abhandenkommen – das berührt auch mein ästhetisches Empfinden (Nikolaus Schneider streichelt ihre Hand). Trotzdem lohnt sich das Leben im Alter, weil mir deutlich wird, was wirklich zählt. Wir halten die Endlichkeit und Vergänglichkeit im Blick, aber unser Leid ist eingebettet in so viel Glück und Nähe. Ich weiß natürlich, dass das nur meine persönliche Empfindung ist. Menschen können so schreckliche Erfahrungen machen, dass es keinen Trost gibt. Der Tod kann einen brechen.

Nikolaus Schneider: Der Beitrag eines einzelnen Menschen auf dieser Welt ist winzig, für das Universum völlig bedeutungslos. Darüber kann man verzweifeln, zynisch werden, egoistisch und heroisch. All das ist nicht meins, das ist nicht unsers. Wir sehen das Leben eingebunden in einen größeren Zusammenhang, und natürlich reden wir dann auch von Gott, der das Leben umfasst, der unseren winzigen Beitrag zu einem Ganzen hinzufügt. In dieser Gewissheit kann ich mit der Vergänglichkeit gut zurechtkommen, ohne zu resignieren.

Frage: Hilft der Glaube in der konkreten Situation?

Nikolaus Schneider: Zunächst gilt: Wenn Sie einen Menschen verlieren – das bleibt furchtbar. Es ist abgründig.

Anne Schneider: Wir hatten das Glück, zu erleben, dass das, was wir glauben und hoffen, uns auch trägt.

Frage: Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie den Krebs überleben würden?

Anne Schneider: Es hat einige Wochen gedauert. Ich war an inflammatorischem Brustkrebs erkrankt, meine linke Brust war geschwollen und rot. Die Ultraschallbilder zeigten, dass die Krebszellen in den Lymphbahnen saßen. Nach drei Wochen schien die Behandlung anzuschlagen, aber wir waren nicht euphorisch. Wir hatten Angst vor einem Rückschlag. Erst nach neun bis zehn Wochen hat uns der Arzt signalisiert: Die Behandlung wirkt. Da habe ich mich ein bisschen aufs Leben eingestellt.

Nikolaus Schneider: Aber du hast Zeit gebraucht, um dem Leben wieder zu vertrauen.

Anne Schneider: Meike hatte neun Chemophasen, und jedes Mal haben die Ärzte gesagt: Es sind keine Krebszellen mehr erkennbar.

Nikolaus Schneider: Sie ist zweimal als geheilt entlassen worden. Am Ende musste sie doch sterben, mit nur 22 Jahren.

Anne Schneider: Es ist für meine Erfahrung, meine Empfindung etwas anderes, wenn ein junger Mensch stirbt. Ich habe mein Leben gelebt. Für mich fühlt es sich jetzt an wie geschenkte Zeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich unbedingt noch länger leben muss.

Nikolaus Schneider: Aber du würdest sofort wieder eine Chemo machen.

Anne Schneider: Ich hätte jetzt wieder die Kraft, mich dem zu stellen. Aber die Welt würde für mich nicht zusammenbrechen, wenn ich sterben müsste. Vielleicht ist es besser, in fünf Jahren kommt der Krebs zurück, als dass ich mit 90 Jahren Alzheimer kriege.

Nikolaus Schneider: Anne! Was sind das für Spekulationen?

Frage: Es klingt etwas pessimistisch.

Anne Schneider: Mir hilft das.

Nikolaus Schneider: Jaja, da sind wir unterschiedlich.

Anne Schneider: Wenn man so verbunden ist wie wir beide, ist es eigentlich ein Glück und ein Segen, wenn man als Erster stirbt. Weil man den anderen hat. Das kann keiner ersetzen. Kein Kind, kein Enkel, keine Krankenschwester.

Frage: Was halten Sie von dem Sprichwort, man müsse jeden Tag so leben, als wäre es der letzte?

Anne Schneider: Ich ganz viel. Das führte in unserer Ehe manchmal zu Schwierigkeiten. Ich weiß ja nicht, ob ich überhaupt einmal Zeit habe, das Ersparte aufzubrauchen. Also mache ich lieber schöne Reisen, als mir ein Eigenheim zu kaufen. Da tickt Nikel etwas anders. Aber wir haben uns über die Jahre arrangiert. Wir sind nicht verschuldet, haben aber auch keine Reichtümer angehäuft. Als ich im Sommer 2014 krank wurde, bedeutete das allerdings auch, dass keine großen Reserven da waren.

Nikolaus Schneider: Es ist vernünftig, jetzt und im Heute zu leben und sich das Heute nicht nehmen zu lassen, weil man ständig auf ein Morgen wartet. Jetzt und im Heute so zu leben, als ob es ein Morgen nicht gäbe, ist nur sehr begrenzt vernünftig.

Anne Schneider: Das ist wie mit Luthers Apfelbäumchen: Es trägt eben erst Jahre später Früchte.

Nikolaus Schneider: Mit einem gewissen Weitblick zu leben ist nicht falsch. Aber wenn alles jetzt und sofort sein muss – das wäre ja ein furchtbarer Stress!

Anne Schneider: Nikel hat sich schon als junger Pfarrer mit Terminen zugepackt und immer gesagt: Wenn erst mal die Konfirmation vorbei ist, wenn erst mal Sommerferien sind, dann! Bis ich dann nach zwei Jahren sagte: Das kommt nie. Ein bisschen ist das noch heute so. Du machst dir einfach zu viele Termine.

Nikolaus Schneider: Ich habe noch viel vor. Ich habe mich mit dem Ruhestand noch nicht abgefunden.

Anne Schneider: Ich würde unseren Ruhestand lieber mit privaten Reisen genießen statt mit Kirchenterminen.

Frage: Das klingt so, als hätten Sie früher doch mehr sparen sollen, Frau Schneider.

Anne Schneider: Vielleicht. Vieles wäre aber auch nicht gegangen, wenn wir gespart hätten. Nikolaus ist leidenschaftlich gern Ski gefahren. Wir mussten aber früh feststellen, dass es mit Familie nur für einen Urlaub pro Jahr reicht. Da haben die Kinder und ich uns mit Sommerurlaub durchgesetzt. Wenn dann mal ein wenig Geld übrig war, haben wir ihm einen Skiurlaub geschenkt. Zum Sparen hat es dann nicht gereicht.

Frage: Aber ist das nicht riskant?

Anne Schneider: Na ja, wir leben ja in einem Staat, der uns beiden eine gute Pension ermöglicht. Aber andere Eltern hinterlassen ihren Kindern vielleicht Häuser oder verschenken Autos.

Nikolaus Schneider: Das wird es bei uns nicht geben.

Frage: Hat sich an Ihrer Einstellung durch Ihre Erkrankung etwas geändert?

Anne Schneider: Mit dem Tod vor Augen fragt man natürlich schon: War es gut, wie wir gelebt haben? Das kann ich mit Ja beantworten. Ich habe großes Glück, dass Nikel zurückgetreten ist, ohne dass ich es von ihm verlangt hätte. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er hat mir nie das Gefühl gegeben, sich für mich aufzuopfern.