Überraschend war diese Entscheidung nicht, aber als Robert Menasse sich vorne auf der Bühne so professionell wie effektvoll schnäuzte, sichtlich gerührt in ein riesiges weißes Taschentuch, wer wollte da keine europäische Träne verdrücken? Der 63-jährige Österreicher hat zweifellos den Roman der Stunde verfasst – und es bleibt dabei für den Leser interessanterweise genau wie im tagtäglichen Nachrichtenstrom offen, ob es eigentlich die Stunde des Untergangs ist oder die Stunde der Wiedergeburt.

Um Europa geht es jedenfalls Menasse in seinem am Montagabend mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Roman Die Hauptstadt, in seinem wilden, kriminalistischen und zugleich farcehaft unterhaltsamen Plot aus Brüssel, genauer: aus der EU-Kommission, zu deren sechzigstem Geburtstag ein Festakt in Auschwitz geplant wird, mit den letzten Überlebenden des Vernichtungslagers.

Natürlich ist der Buchpreis für solch ein Buch ein politisches Signal, nicht nur in Richtung London und Barcelona. Denn kurz vor der brisanten Wahl in Österreich erhält die Auszeichnung einer der engagiertesten Schriftsteller, ein in zahllosen Debatten gestählter Intellektueller des Landes, der zugleich ein vehementer Proeuropäer ist – Verfechter nicht nur des kulturellen Europa, sondern auch des politischen Projekts gleichen Namens, was ja immer seltener wird. Vielleicht hat es auch eine spezielle kulturhistorische Logik, dass ausgerechnet ein Österreicher dazu berufen ist, den europäischen Geist von heute literarisch zu erfassen: Denn schließlich haben das einst Menasses Ahnen Roth, Musil und Doderer im Hallraum des verblichenen habsburgischen Vielvölkerreichs ebenfalls getan.

Freundlich wohlwollend applaudierte man dieser literarischen Krönung im Kaisersaal des Frankfurter Römers, unter den Augen zahlreicher Habsburgerkaiser auf den Gemälden an der Wand. Dass Menasse in seinen Dankesworten an den erfolgreichen Kampf der Brüsseler Generaldirektion Kultur gegen Amazon und für die Buchpreisbindung erinnerte, tat ein Übriges. Und der Suhrkamp Verlag, der mit gleich drei Titeln auf der Shortlist stand, konnte sich diesmal freuen, anders als 2012, als man mit drei Autoren im Saal leer ausging.

Ist Menasses Buch tatsächlich auch literarisch der beste deutschsprachige Roman des Jahres? Dieses Fragezeichen darf man so stehen lassen. Überhaupt wäre es interessant, sich noch einmal all jene zu vergegenwärtigen, die in den vergangenen Jahren den Deutschen Buchpreis nicht bekommen haben. Die Konkurrenz war diesmal stark, die Jury hatte mit der Shortlist sehr gute Arbeit geleistet, auch wenn Daniel Kehlmanns staunenswert geglückter Roman Tyll gar nicht angetreten war. Marion Poschmann war am Ende wie schon 2013 unterlegen mit ihren meisterhaften Kieferninseln, ebenso wie Sasha Marianna Salzmanns Debüt Außer sich oder Thomas Lehrs Schlafende Sonne. Alle zusammen bestätigten 2017 aufs Allerschönste die Ex-Literaturkritikerin und jetzige Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, die in ihrem Grußwort zur Preisverleihung die Einzigartigkeit der Gattung Roman verteidigte: Keine Performance, keine Serie könne dieser Kunstform den erzählerischen Rang streitig machen.