Französische Rezepte leben von erlesenen Gewürzen und penibel ausgewählten, bis in die kleinsten Verfeinerungen akzentuierten Zutaten, und die Sprache von Marie NDiaye geht noch darüber hinaus. Diese Schriftstellerin bezieht sich auf die großen Gesten der französischen Literatur. Sie zelebriert Distinktionsmerkmale wie den subjonctif imparfait und zitiert die elaborierteste Bürgerlichkeit wie ein Gegengift zu den trivialen Zumutungen des Alltags. Ihr neuester, raffiniert komponierter Roman, der weit mehr ist als bloß der Roman einer Köchin, hat etwas frappierend Zeitloses. Die Figuren sind von einer stilisierten, dabei sorgsam ausdifferenzierten seelischen Konstitution, wie sie auch schon von Flaubert hätte konstruiert sein können, krude zeitgeschichtliche Zuordnungen sind ihnen fremd. Sie leben in einer Tradition des hohen Tons und geheimer, existenzieller Fragestellungen, die in Deutschland mittlerweile nur noch gebrochen und mit ironischen Absicherungen denkbar scheinen.

Dabei ist die Kunst der Hauptfigur, der "Chefin", von einer stringenten Einfachheit. Sie stammt aus ärmsten provinziellen Verhältnissen und entdeckt als Hausangestellte bei einer bourgeoisen Familie ihre Obsession für die Kochkunst, als Autodidaktin, ohne Ausbildung und Förderung. Sie bewegt sich abseits der etablierten französischen Küche mit ihren Überwältigungsszenarien und Verkünstelungen. Auf suggestive Weise verbindet sich die Armut ihrer Herkunft, die trotz aller widrigen äußeren Umstände selbstbewusste Lebensauffassung ihrer Eltern mit ihren Entdeckungen kulinarischer Lüste. Alle Attitüden des Bürgertums bleiben ihr fremd. Der Körper der "Chefin" wird mit den Vorgängen in der Küche eins und geht völlig darin auf, es ist ein "vollkommenes Glück". Ihre biografische Entwicklung erscheint von einer solch unbestechlichen Konsequenz, dass sie wie eine allen üblichen psychologischen Erklärungsmustern gegenüber immune, ferne Kunstfigur wirkt. Sie lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu und entzieht sich gleichzeitig immer mehr.

Das hat etwas mit einem Kunstgriff der Autorin zu tun. Denn ihr namenloser Ich-Erzähler, der sein Leben mit der gleichfalls namenlosen "Chefin", wie sie bei ihm durchgehend heißt, beschreibt, ist ein pathetisch liebender, also unzuverlässiger Chronist. Mit 19 Jahren hat er als Jungkoch in ihrem bekannten Restaurant angefangen, und die Liebe zu ihr, die ihn wie magisch erfasst, überfordert ihn. Im Rückblick erscheint es wie ein unerklärliches, unentrinnbares Schicksal. Die libidinöse Energie der "Chefin" war von Anfang an vollkommen von etwas anderem absorbiert, diese Liebe konnte keine reale, irdische Erfüllung finden. Aber dennoch war sie mehr als ein bloßes Phantasma, der Ich-Erzähler zehrt davon.

Fragen der Macht, des Begehrens, der Obsessionen und der "berauschenden Einsamkeit des Schaffens" werden in diesem Roman immer wieder durchgespielt und gehen allmählich auf in einem einzigen undurchdringlichen Klang. Das "inspirierende Feuer", das die Chefin im Alter von 16 Jahren in sich entdeckte, entwickelt einen starken Sog. Aber sie wird auch selbst zu seinem Opfer. Ein widersprüchliches, stark nachwirkendes Bild sind die Pinien, die der kleinen Küche des bourgeoisen Landhauses bedrohlich nahe rücken, aber unabdingbar zur Ekstase dort dazugehören. Am Rande bemerkt der Ich-Erzähler einmal, dass die Kunst der "Chefin" etwas Absolutes gewesen sei, es hätte genauso auch die Literatur sein können. Es ist die französische, ganz offensichtlich.

Marie NDiaye: Die Chefin.
Roman einer Köchin; aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer; Suhrkamp, Berlin 2017; 333 Seiten, 22,– €