Wenn Cornelia Funke Geschichten wie Die wilden Hühner, Tintenherz oder Herr der Diebe schreibt, ist sie die alleinige Herrscherin ihrer Erzählung: Sie entscheidet, welche Figuren auftreten, welche Abenteuer sie durchstehen müssen und wie am Ende alles ausgeht. Jedes Wort, das man in einem ihrer Bücher liest, hat sie ausgewählt. Nun hat Cornelia Funke zum ersten Mal eine Geschichte geschrieben, die man nicht lesen, sondern nur hören kann. Und dafür musste sie jemand anderem die Herrschaft überlassen.

Das Hörspiel Drachenreiter – Die Vulkan-Mission spielt in einer Welt voller Fabelwesen. Ein Kundschafter-Team soll aufbrechen, um entführte fantastische Geschöpfe aus einem Vulkan-Gefängnis zu befreien. Schon diese Kundschafter sind ziemlich außergewöhnlich: eine Rättin, die für ihre waghalsigen Flugmanöver bekannt ist, ein treues, aber sehr grummeliges Koboldmädchen und ein menschenähnliches Männlein, das ein Alchimist vor Hunderten von Jahren in einer Flasche gezüchtet hat. Diese drei, die sich ständig anmotzen und ärgern, begeben sich im Flugzeug eines Trolls auf eine gefährliche Reise.

Was diese Wesen sagen und wie sie es tun, hat Cornelia Funke sich ausgedacht, und im Text zum Hörspiel hat sie auch vermerkt, wann welche Geräusche zu hören sein sollen. Doch zum Klingen bringen ihre Geschichte erst viele andere Menschen. Deshalb ist die Autorin an einem Vormittag im Juli nicht mehr Bestimmerin ihrer Erzählung. Chef im Hörspielstudio ist der Regisseur Eduardo García. "Die Ratte ist ein kleiner Hektiker", sagt er zu dem Sprecher, der den Rätterich Gilbert, einen Cousin der Pilotin, spricht. "Du kannst ruhig schneller sein." – "Okay", antwortet der und erhöht sofort das Tempo. "Dann bin ich eher so eine nervöse Ratte."

Eduardo sitzt zusammen mit drei Kollegen an einem riesigen Pult mit vielen Knöpfen und Schaltern und Monitoren. Durch eine Glasscheibe blickt er in den Raum, in dem drei Sprecher gerade vor Mikrofonen stehen. Während er ihnen Anweisungen gibt, sitzt Cornelia Funke auf der Lehne eines Sofas hinter Eduardo. Sie ist extra aus den USA, wo sie lebt, nach Hamburg gekommen. Sie hat sich vorgebeugt, das Kinn auf eine Hand aufgestützt und schaut dem Regisseur über die Schulter. Ständig unterbricht er die Sprecher: "Zu laut. Noch mal bitte." – "Zu langsam. Noch mal bitte." – "Zu schnell. Noch mal bitte." – "Da hat ein Blatt geraschelt. Noch mal bitte."

Ist es für Cornelia Funke wohl schwer, Eduardo das Sagen über ihre Geschichte zu überlassen? "Ich hab schon ein-, zweimal gedacht, das hätte ich jetzt aber anders gemacht", gibt die Autorin zu. Sie sagt aber auch, dass Eduardo und sein Team Meister ihres Handwerks seien. Deshalb habe sie sich "ganz ohne Mühe auf die Zunge gebissen".

Alle sind bei den Aufnahmen sehr konzentriert, lustig wird es aber trotzdem. Als eine Sprecherin mindestens 20-mal über das Wort "Freefab", so nennt sich der Fabelwesen-Befreier-Trupp, stolpert und es falsch ausspricht, fragt einer der Sprecher: "Wer hat das bloß geschrieben?" – "Keine Ahnung!", antwortet ein anderer – und alle lachen los. Auch die Autorin. Es scheint, als hätte Cornelia Funke fast ein schlechtes Gewissen, dass sie sich dieses Wort ausgedacht hat.

Die Sprecher im Studio lesen die Texte übrigens nicht einfach nur vor, sie wedeln vor ihren Mikros wild mit den Armen, hüpfen in die Luft, verziehen das Gesicht. All das sieht man auf der CD später natürlich nicht, aber es überträgt sich auf die Stimmen. Sie klingen anders. Hörspiele zu sprechen ist Theater für die Ohren.

Das muss nun auch Cornelia Funke tun. Sie spricht im Hörspiel nämlich auch eine kleine Rolle. Deshalb steht sie nun auf, verschwindet durch eine Tür und taucht kurz darauf bei den Sprechern vor den Mikros wieder auf.

Cornelia Funke liest oft vor Publikum aus ihren Büchern, aber eine Profi-Sprecherin ist sie nicht. "Eher ein Halbprofi", sagt sie. In welcher Rolle die Autorin zu hören ist, hat sie nicht selbst entschieden. Bestimmer war auch hier Regisseur Eduardo. Er will sie als Winnifred hören, eine Eidechse, die ziemlich dramatische Auftritte hinlegt.

Cornelia Funke muss vor dem Mikro also reichlich stöhnen und jammern, seufzen und in Ohnmacht fallen (mit der Stimme!). Und auch die Erfinderin der Geschichte muss sich vom Regisseur verbessern lassen. "Du kannst ruhig noch zickiger sein", sagt Eduardo. "Da steht aber, sie sagt es mit er- sterbender Stimme", widerspricht Cornelia Funke, die das ja selbst geschrieben hat. "Das stimmt schon", antwortet der Regisseur, "aber bleib dabei trotzdem aufgescheucht." Die Autorin gehorcht.

Am Ende werden Eduardo und seine Kollegen rund 30 Stunden Material von insgesamt 15 Sprechern angesammelt haben. Man brauchte von Montag bis Freitag jeden Tag acht Schulstunden, um all das anzuhören. Das Hörspiel, das man vom 20. Oktober an kaufen kann, ist natürlich viel kürzer, rund eineinhalb Stunden. Das bedeutet: Wenn die Sprecher fertig sind, geht für Eduardo und seine Kollegen die Arbeit erst so richtig los.

Sie wählen die besten Sprecherstellen aus, fügen sie am Computer zusammen und ergänzen Musik und Geräusche. Doch wie klingt es, wenn Zwerge sich gegenseitig Hänge hinunterkullern? Wie hört sich ein brüllender Drache an? Und was für Töne macht ein Trollflugzeug? All das hat die Autorin in den Text geschrieben, ein Geräuschemacher musste losziehen und passende Klänge finden.

Auch Musik wurde extra komponiert. "Ich spiele selbst kein Instrument, bin aber vollkommen musikbesessen", sagt Cornelia Funke. Deshalb wollte sie die Liedtexte gern selbst schreiben. So schwer könne das ja wohl nicht sein, dachte sie sich – und irrte. "Obwohl ich schon so viele Bücher geschrieben habe, an dieser Aufgabe bin ich fast gescheitert", erzählt sie. Zum Glück ist Hörspiel Teamarbeit, gemeinsam schrieben alle die Lieder fertig. Und Cornelia Funke weiß nun für ein neues Hörabenteuer: "Das nächste Mal nehme ich den Mund nicht mehr so voll."