Auf diesen Moment haben sie lange gewartet: Dirk und Björn Kotte stehen am 1. Oktober im Anzug vor dem Rathaus. Die Ehe für alle ist da. Sie wollen heiraten. Ihre Verpartnerungsurkunde, ihre Geburtsurkunden und ihre Ausweise haben sie in der Tasche. Doch dann kommt alles anders.

Björn Kotte: Für uns war immer klar: Wenn Schwule irgendwann heiraten können wie alle anderen, heiraten wir wie alle anderen. Als wir hörten, dass Angela Merkel die Ehe für alle durchbringen will, waren wir trotzdem skeptisch.

Dirk Kotte: Wir dachten, das ist Wahlkampfgetöse, da passiert sowieso nichts. Dass es so schnell ging, hat uns überrascht.

Björn: Wir haben uns im Sommer 2003 kennengelernt, über ein schwules Chatportal im Internet. Damals konnte man noch keine Bilder versenden, geschweige denn Emojis. Man hat sich in den Chatroom seiner Stadt eingeloggt und getratscht.

Dirk: Björn war in einer Art Selbstfindungsphase und wollte gar nicht daten, ich hatte viele vergebliche Dates hinter mir und keine Lust mehr zu suchen. Der Klassiker: Wenn man nicht sucht, findet man. Unsere ersten Gespräche begannen damit, dass Björns Katze quer über die Computertastatur gelaufen ist und mit der Hinterpfote auf die Eingabetaste gedrückt hat. Als der Buchstabensalat bei mir ankam, fragte ich: "Hattest du einen Schlaganfall? Muss ich mir Sorgen machen?"

Björn: Bei unserem ersten Date im Café Uhrlaub haben wir uns direkt geküsst! Wir sind beide große Star Trek- Fans, haben uns für dieselben Sachen interessiert. In Gesprächen hat Dirk immer ergänzt, was mir gerade nicht einfiel, und andersrum. So ist das bis heute.

Dirk: Björn ist eher der Laute von uns, er redet viel, ist sehr präsent und hüpft mit 38 noch gern durch Regenpfützen. Ich bin eher zurückhaltender und ruhiger. Aber wir haben uns von Anfang an vertraut. Beim anderen konnten wir so sein, wie wir sind.

Björn: Anfangs führten wir eine Fernbeziehung. Ich war damals unter der Woche in Lüneburg bei der Bundeswehr, Dirk arbeitete als Informatiker bei einem großen Automobilhersteller in Hamburg. Die Wochenenden verbrachten wir zusammen bei Dirk in Fuhlsbüttel. Meine Katze ist zu Dirk gezogen, bevor ich das tat.

Dirk: Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich Björn das erste Mal gesagt habe, dass ich ihn liebe. Wir machten einen Tagesausflug nach Helgoland, es war der 17. September 2003. Wir saßen auf einer Bank mit Blick aufs Meer. Björn konnte das "Ich liebe dich" noch nicht erwidern. Er schenkte mir stattdessen ein blaues Vergissmeinnicht. Die Fahrkarte trage ich bis heute gefaltet in meinem Portemonnaie. Zwischen dem Papier steckt die getrocknete Blume.

Björn: Bei mir dauert das. Ich spüre Liebe irgendwann. Einen Monat später habe ich ihn kurz vor der Arbeit angerufen und aus dem Bett geklingelt und gesagt: "Ich weiß jetzt, dass ich dich auch lieb habe."

Dirk: Im Laufe der Jahre haben wir uns einander angepasst. Ich bin ein bisschen extrovertierter geworden, ich quassele jetzt mehr mit Menschen auf der Straße. Und bei Björn scherzen Freunde immer, er sei dank mir nicht mehr ganz so durchgeknallt wie früher.

Björn: Ende 2005 sollte ich für einen Bundeswehreinsatz nach Afghanistan. Davor habe ich Dirk einen Heiratsantrag gemacht. Ich wollte das eigentlich richtig romantisch machen, aber als die Ringe da waren, konnte ich einfach nicht mehr warten. Ich habe Dirk dann völlig unromantisch im Wohnzimmer meiner Mutter gefragt. Dirk antwortete: "Ich weiß noch nicht."

Dirk: Wir hatten zu dem Zeitpunkt ja nicht mal zusammen gewohnt! So eine Ehe ist ja eine große Sache. Da will man sicher sein, dass man es länger als ein Wochenende miteinander aushält.

Björn: Ich sagte dann: "Es muss nicht jetzt sein, ich will einfach nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich bereit bin, dich zu heiraten. Du legst den Termin fest." Ich hatte immer den Eindruck, dass ich als kleine Person eh nichts an der Gesetzgebung für schwule Paare ändern kann. Aber ich konnte mit meinem Leben und meiner Verpartnerung zeigen, dass es nichts Krankhaftes, nichts Unvernünftiges ist, was wir uns wünschen. Dass wir einfach normal sind. Eine Hochzeit war für mich der größte Ausdruck der Liebe. Ich stelle mich vor Vater Staat und sage: Der gehört zu mir. Ich stehe für ihn ein und er für mich. Wir sind eine Einheit.

Dirk: Wir sind nach Björns Auslandseinsatz zusammengezogen. Noch im selben Jahr habe ich ihm dann gesagt, dass ich ihn auch heiraten will.