Glaubt man der FDP, dann ist das deutsche Asylsystem ein Gefäß, das jede Menge Menschen enthält, die dort nicht hineingehören: Wirtschaftsflüchtlinge und Armutsmigranten, Menschen, die in Deutschland keinen Schutz suchen, sondern nur einen Job. In einem Papier zur Einwanderungspolitik schreibt FDP-Chef Christian Lindner: "Aufgrund fehlender Alternativen (...) wird von unterschiedlichen Gruppen vorwiegend das Asylrecht benutzt, um nach Deutschland zu gelangen." Parteivize Wolfgang Kubicki forderte Anfang der Woche, endlich "Druck aus dem Kessel zu lassen". Entweichen soll der Druck mithilfe eines Gesetzes. Es wird seit Jahrzehnten diskutiert, scheiterte aber bislang am Widerstand der Union: das Einwanderungsgesetz. Nun, unter einer möglichen schwarz-gelb-grünen Regierung, könnte es endlich kommen.

Die Entwürfe, die Grüne und FDP dazu vorgelegt haben, variieren im Detail, zielen aber in dieselbe Richtung: Menschen aus Nicht-EU-Staaten sollen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt bekommen. Wer ein Angebot eines deutschen Arbeitgebers in der Tasche hat oder auf eigene Kosten vor Ort nach einem Job suchen will, soll nach Deutschland kommen dürfen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist das schon heute möglich, in der Regel aber nur für sehr gut ausgebildete Menschen. Und die scheitern oft an einem Wirrwarr aus Vorschriften, die auf mehrere Gesetzbücher verteilt sind. Zum Beispiel an den zähen Prozeduren, die man durchlaufen muss, um einen Berufsabschluss anerkennen zu lassen.

So mag Deutschland zwar ein Magnet für Flüchtlinge sein, Arbeitsmigranten zieht es weniger an. Von den fast 700.000 Menschen, die 2016 aus Nicht-EU-Staaten eingewandert sind, hatten nur rund 50.000 ein Arbeitsvisum und davon nur 8.000 die Bluecard, jenes europäische Pendant zur amerikanischen Greencard, von dem sich Deutschland einst den massenhaften Zuzug von Ärzten, Ingenieuren und IT-Spezialisten erhofft hatte.

Ein Einwanderungsgesetz aus einem Guss könnte das ändern. Gut, dass es FDP und Grüne in den Koalitionsverhandlungen auf den Tisch packen. Gut, dass der Druck auf die Union steigt: Am Wochenende forderte etwa der Verband der Familienunternehmer, das Gesetz müsse kommen, und zwar schnell. Weil viele Branchen ohne ausländische Arbeiter nicht wachsen könnten, weil der Fachkräftemangel wegen des demografischen Wandels und der Rente mit 63 dramatischer werde – und weil EU-Ausländer nicht ausreichten, um die offenen Stellen zu besetzen.

Für ein Einwanderungsgesetz spricht auch, dass Arbeitsmigranten schnell einen Job finden. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat ihre Chancen mit denen von Flüchtlingen verglichen: Die Wahrscheinlichkeit, nach zwei Jahren in Deutschland eine Stelle gefunden zu haben, ist etwa doppelt so hoch. Das hat laut IAB nicht nur damit zu tun, dass Migranten mit Arbeitsvisum besonders gut ausgebildet und vorbereitet sind. Sondern vor allem damit, dass sie auf dem Weg zum Job weniger Hürden bewältigen müssen. Der Migrationsökonom Herbert Brücker vom IAB empfiehlt deshalb, mehr Arbeitsvisa auszugeben, bedingt auch an Geringqualifizierte, für die es bei uns Bedarf gibt: Putzkräfte, Kellner, Erntehelfer. "Wir müssen die Schwellen senken", sagt er.

Ein Einwanderungsgesetz könnte verhindern, dass Migranten von Sozialleistungen leben. Es könnte dafür sorgen, dass Menschen, die nach Deutschland wollen, aber kaum Chancen auf Schutz haben, nicht mehr in ein Schlauchboot steigen, sondern sich um ein Arbeitsvisum bemühen. Es könnte aber auch nach hinten losgehen – dann nämlich, wenn es als Ersatz für eine weitsichtige Flüchtlings- und Integrationspolitik missverstanden wird.

Die FDP suggeriert, dass durch das Gesetz nicht nur die Zahl der Fachkräfte steigt, sondern automatisch auch die Zahl der Flüchtlinge sinkt. Wolfgang Kubicki sagte Anfang dieser Woche, mit einem Einwanderungsgesetz hätte es die hohen Flüchtlingszahlen seit September 2015 gar nicht erst gegeben. Für die Jahre davor, als vor allem Menschen vom Westbalkan in Deutschland Asyl beantragten, mag das stimmen. Für die Zeit seit Herbst 2015 nicht. Rund 70 Prozent der Menschen, die im vergangenen Jahr in Deutschland Asyl beantragt haben, kamen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, wo Krieg und Terror herrschen. Sie haben sich nicht im deutschen Asylsystem verirrt und dort den Druck im Kessel unnötig erhöht. Sie hatten oft gute Gründe, Schutz zu suchen, viele von ihnen durften bleiben. Will man vermeiden, dass sie dauerhaft Sozialleistungen beziehen, muss man auch ihnen Zugang zu Jobs verschaffen – egal wie gut oder schlecht sie ausgebildet sind.

Schon jetzt ist absehbar, dass die Union einem Einwanderungsgesetz nur zustimmt, wenn die Asylgesetze verschärft werden. Sie will den Familiennachzug weiterhin aussetzen und Flüchtlinge öfter in Lagern unterbringen. Die sind oft so abgeschieden, dass man nur schwer nach Jobs suchen kann. Sie sind voller Männer, die Arbeit suchen müssten, aber in ihren Gedanken woanders sind: bei ihren Frauen und Kindern, die sie zurücklassen mussten und nicht nachholen dürfen. Menschen wie sie sind keine Arbeitsmigranten. Sie brauchen kein Einwanderungsgesetz, sondern Schutz – und irgendwann auch einen Job.