Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Die Wässrige, die Feurige, die Luftige und die Erdige", erzähle ich dem Enkel, "beratschlagen in einer alten Holzscheune, die nicht weit von der neuen industriellen Mastanlage auf ihren Abriss wartet. Klara belauscht sie, kann aber nur den Tonfall verstehen. Die Elemente sind zornig und streiten miteinander, wie die Menschen zur Räson zu bringen seien. So jedenfalls versteht Klara diesen Streit, bei dem die Erdige mürrisch murmelt, die Wässrige listig wispert, die Luftige donnernd grollt und die Feurige lodernd lacht. Am nächsten Morgen hat der Blitz eingeschlagen, seltsamerweise nicht in die alte Scheune, sondern in die Mastanlage. 'Das war die Feurige', sagt Klara auf dem Schulhof. Man lacht sie aus. Am Morgen darauf ist der Hauptstadtflugplatz von Nacktschnecken bedeckt, die Aeroplane müssen auf die Golfplätze ausweichen. 'Die Erdige ist der Gandhi unter den vieren', sagt Klara in der Geografiestunde. Man lacht nicht mehr und fragt nach: 'Du meinst, das ist gewaltloser Widerstand?' Klara nickt und sagt: 'Die Luftige und die Wässrige sind ganz andere Temperamente.'

In den folgenden Tagen ist in den Nachrichten von Hurrikans und Tsunamis zu hören. Und von Rissen in der Autobahn. Als die Eltern in den Ferien mit Klara zur Großmama fahren wollen, besteht die achtspurige Piste aus aufgebrochenen Brocken. Dazwischen erheben sich Boviste, die zusehends wachsen, wie Büsche hoch und breit, sich schwarz verfärben und mit dumpfem Knall zerspellen, um ihren Ekelodem in die Welt zu speien. ›Lasst uns laufen, quer durch den Wald‹, schlägt Klara vor. 'Aber die Monsterpilze …', wendet die Mutter ein. 'Die wollen uns nicht schaden, Mutter', sagt Klara, 'die wollen uns nur mahnen.' Die Familie macht sich zu Fuß auf den Weg, der beschwerlich ist, aber gerade deshalb allen guttut.

In den nächsten Wochen bricht ein pandemischer Trübsinn aus, und man wird herausfinden, dass seine Ursache in der Ernährung liegt. 'Da haben sich die vier zusammengetan', sagt Klara zu ihrer Großmama, 'sie lassen uns die Schwermut mitessen, wir sollen uns fühlen wie unsere Nahrungskreaturen, denen gar keine Lebensfreude mehr gegönnt ist. Wir nehmen ihr Unglück mit ihrem Fleisch, mit Milch und Eiern in uns auf …'" – "Aber warum", fragt mich der Enkel, "warum haben die Geister das gemacht?" – "Weil sie uns Menschen lieben", antworte ich, "und weil sie darauf hoffen, dass wir aus unseren bösen Erfahrungen etwas lernen können. Aus den guten zu lernen fällt uns viel zu schwer." – "Ich glaub ja nicht, dass es solche guten Geister gibt, die sich um uns kümmern", sagt der Enkel, "aber es wäre schön, wenn es sie gäbe."