Was wird aus der Paulskirche? – Seite 1

Zuerst eine Richtigstellung. Das Parlament der Paulskirche ist nicht gescheitert. Was auch immer uns die Lehrer, ob in Bayern, ob in Bremen, einst erzählt haben: Seine Grundrechte des deutschen Volkes von 1848 leben im Grundgesetz weiter. Sie sind die Basis unserer Demokratie. Gescheitert, grauenhaft und im eigentlichen Sinne des Wortes höllisch gescheitert sind diejenigen, die sich diesen Grundrechten in den Weg gestellt und die Ideen von 1848 unterdrückt haben: das wilhelminische Kaiserreich und das NS-Regime.

Dieses Sandstein-Haus im Herzen von Frankfurt am Main ist das historische Symbol der Republik. Es ist das politischste, wenn man so will aktuellste all unserer nationalen Monumente. Zugleich aber ist es dasjenige, das am tiefsten vergessen scheint. Sein Zustand, seine kalte Verwahrlosung, sagt einiges aus über das Verhältnis der Deutschen nicht nur zu ihrer Demokratiegeschichte, sondern auch zu ihrer Demokratie.

Während in Potsdam die Garnisonkirche als Landmarke einer neokonservativen Sehnsuchtstopografie neu entsteht, mit Segen des Bundespräsidenten und viel Geld aus Berlin, scheint das Interesse der Nation an der Paulskirche erloschen. Das ist besonders fatal in einem Moment, da sich die Frage nach der Zukunft des Monuments stellt.

Das Gebäude, im Jahr der Freiheit 1789 begonnen, doch erst 1833 als Hauptkirche für Frankfurts Protestanten geweiht, 1848/49 Sitz des ersten deutschen Nationalparlaments, später wieder evangelische Kirche, war bei einem großen Bombenangriff im März 1944 zerstört worden. Sofort nach dem Krieg wieder aufgebaut – nicht zuletzt, da Frankfurt sich zu Recht Hoffnung machte, Hauptstadt der Bundesrepublik zu werden –, hat man sie zuletzt in den achtziger Jahren renoviert.

Nun muss vieles dringend erneuert werden. Der Brandschutz ist veraltet, auch die Lüftung, vor allem aber macht das Dach Sorgen. Wie groß die Not ist, sollen bis Ende des Jahres Gutachter klären. Manches deutet inzwischen auf eine Generalsanierung hin. Es könnte also sein, dass der Festakt zur Verleihung des Friedenspreises am kommenden Wochenende, der traditionell in der Paulskirche stattfindet, auf lange Zeit die letzte Friedenspreisverleihung an diesem Ort sein wird.

Ein Desaster?

Eine Riesenchance!

Denn der Bau braucht nicht nur neue Technik und vielleicht sogar ein neues Dach. Die Paulskirche braucht eine ganz neue Fassung, will sie ihrem Rang für diesen Staat endlich gerecht werden. Das durchzufechten wird nicht einfach sein und ohne die Aufmerksamkeit und das Engagement der gesamten Republik kaum glücken.

Die Kirche gehört der Stadt Frankfurt. Doch die hat schon an der Totalsanierung ihrer Bühnen (Oper und Theater) schwer zu tragen. Da will sich niemand auch noch mit der Paulskirche befassen müssen. Im Kulturdezernat ist kein Mitarbeiter zum Thema zu sprechen; das Protokoll der Stadt, das über die Räumlichkeiten der Kirche verfügt, winkt ebenfalls ab. Bleibt das Baudezernat, der eigentlich Verantwortliche, Dezernent Jan Schneider. Auf der Website der Stadt Frankfurt zitiert er ein Gustav Heinemann zugeschriebenes Wort: "Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Schneider, zugleich Frankfurts CDU-Chef, verstrahlt merkelösen Optimismus: Wir schaffen das. Weitergehende Überlegungen zur Optimierung des Nationaldenkmals scheinen indes noch nicht vorhanden. Hilfe vom Bund jedenfalls, da ist Schneider sich ganz sicher, sei nicht vonnöten.

Das ist aus Frankfurter Sicht völlig verständlich. Unsere Stadt, unsere Kirche, unser Festsaal. Ist so und bleibt so.

Die Paulskirche gehört ganz Deutschland

Nur ist die Paulskirche eben keine Francofortensie. Sie wurde zwar einst für Frankfurt gebaut und mag heute im Besitz der Stadt sein. Doch seit dem 31. März 1848, da hier das Vorparlament einzog und sechs Wochen später die Nationalversammlung zusammentrat, gehört sie ganz Deutschland. Die Republik muss die Chance nutzen, die sich jetzt bietet, um dieses Gebäude endlich so herzurichten und zu präsentieren, wie es der Urzelle, dem nationalen Kerngehäuse der deutschen Demokratie gebührt.

Heute gleicht der Gang durch die Kirche einer Zeitreise, allerdings in die fünfziger Jahre. Rudolf Schwarz heißt der Architekt, nach dessen Plänen das Gebäude 1948 aus den Trümmern neu erstand. Das ist buchstäblich zu verstehen, denn der große klassizistische Rundbau war nach der Bombardierung ausgebrannt, nur die Umfassungsmauern, die Säulen der Empore und der Turm hatten den Feuersturm überdauert.

Rudolf Schwarz (1897–1961) zählt zu den viel gerühmten deutschen Kirchenbaumeistern der Moderne. Seine archaisch kargen Nachkriegsgotteshäuser im Rheinland von Aachen bis Essen sind Pilgerstätten der Kunsttouristen.

Von der politischen Bedeutung der Paulskirche aber begriff Schwarz leider nichts. Oder er ignorierte sie aufs Frommste. Er verordnete dem Bau, der bis zu seiner Zerstörung wieder als Kirche gedient hatte, nun aber zum Gedenkort werden sollte, eine edle Buß- und Reu-Architektur, als wäre ausgerechnet das Paulskirchenparlament schuldig gewesen am deutschen Sündenfall.

Aus dem großen Saal, dem Plenum des Hohen Hauses, verbannte er die ehemaligen Emporen für über tausend Zuschauer, die große Galerie des Volkes. Entsprechend verschwanden auch die Säulen, auf denen sie ruhten. Geblieben ist nur ein endlos leerer weißer, purgierter, gleichsam abstrakter Raum, mit blass verglasten Fenstern unter einer flachen, von radial angeordneten schwarzen Balken getragenen Decke – mehr Deckel als Kuppel. Lange Reihen schwarzer Hörsaalstühle, eine Rednerempore aus Naturstein. Umlaufend vor der hohen, kalkbleichen Wandfläche hängen etwas linkisch die Fahnen der 16 Bundesländer. Von der Decke baumelt als ein Reigen schmaler Strickleitern Neongelamp; nicht vergessen sei die Orgel. Das ist alles, und wer in dieser fahlen Frömmigkeit, diesem vollkommen enthistorisierten Raum noch das Parlament von 48 erkennen will, braucht sehr viel Fantasie.

Noch eigensinniger inszenierte Schwarz den Weg in diesen großen Saal. Denn der Besucher kommt nicht direkt von der Straße hinein. Durch ein weißes Klinikportal erreicht er, empfangen von einem gedrungenen Eingangsgewölbe, das an die Architektur von Fritz Langs Nibelungenfilm erinnert, zunächst ein dunkles Untergeschoss, halb Wandelgang, halb Krypta. Die niedrige Decke wird von 14 mächtigen Natursteinsäulen getragen, die, wie der Frankfurter Architekturkritiker Dieter Bartetzko 1998 bemerkte, an die 14 Leidensstationen Christi erinnern sollen. So werde "dem christlichen Erlösungsgedanken Ausdruck verliehen: Die Hoffnung auf ein Leben im Licht beruht einzig auf dem Leiden und der Auferstehung Christi." Die Paulskirche, bilanziert Bartetzko, sei "der Ort, in dem der Büßergang nach dem Kriege baulich Gestalt angenommen hat". Der Münchner Kunsthistoriker Christian Welzbacher fasste es 2015 in einer brillanten Analyse knapper: Rudolf Schwarz habe das Gotteshaus 1948 kurzerhand konvertiert und "den evangelischen Sakralbau in einen katholischen Profanbau" verwandelt.

Was aber – man möchte beinahe sagen: um Himmels willen! – hat ein katholischer Profanbau mit der Demokratie, mit dem Grundgesetz, mit unserer säkularen Republik zu tun, für die Frankfurts Paulskirche doch steht?

Was ist Deutschland, was das deutsche Volk – und wer gehört dazu?

Was gäbe es zu erzählen! Was ließe sich daraus machen!

Ein gewisses Unbehagen an dem härenen Erlösungswollen hatte sich schon in den achtziger Jahren breitgemacht. So erhielt, nach einem Wettbewerb, der Westberliner Maler Johannes Grützke vom Frankfurter Magistrat den ehrenvollen Auftrag, für die kryptische Wandelhalle ein Wandbild zu schaffen, das die politische Bedeutung des Hauses neu akzentuieren sollte. Grützke war ganz offensichtlich von Anfang an etwas überfordert, die Demokratie nicht gerade sein Thema. In sein Skizzenbuch notierte er: "Die Paulskirche? Was soll man da machen?" Mit Verlaub: Vielleicht hätte er besser nichts gemacht. Sein Werk Der Zug der Volksvertreter zur Paulskirche, 1991 vollendet, quält sich zwischen grimassierender Karikatur und bedeutungsschwerer Historienmalerei. Und ist vor allem eins: hohe Kunst der Ratlosigkeit.

Bleiben dem Besucher hier nur die Info-Kästen die Wände entlang. Zur 150-Jahr-Feier des Parlaments 1998 sind sie auf Kosten der Frankfurter Sparkassen-Stiftung vom Institut für Stadtgeschichte neu gefüllt worden. Dennoch wirken sie im trostlosen Vitrinenlicht wie Überbleibsel aus einer Ausstellung der siebziger Jahre. Vollgestopft mit buntem Kartenmaterial, Texttafeln und Faksimiles aller Art, repetieren sie zwar tadellos die Chronik des Baus, der Revolution von 48 und des Parlaments, aber alles bleibt so additiv wie ein ermüdendes Schulbuch. Von der Dramatik und der Bedeutung, der Ungeheuerlichkeit jener Jahre, als erstmals überhaupt so etwas wie ein vereinigtes Deutschland entstand und erstmals überhaupt eine gesamtdeutsche Demokratie gewagt wurde, von alldem jedenfalls vermitteln diese gut gemeinten, wackeren Geschichtsaquarien nur einen matten, sehr matten Schimmer.

Und was gäbe es da zu erzählen! Von den Redeschlachten um die Freiheitsrechte. Von den Demokraten auf der Linken, Robert Blum, Carl Vogt, Wilhelm Schulz, Ludwig Simon und all den anderen, die vorangingen. Von Ludwig Uhland, dem unerschrockenen Dichter, und Heinrich von Gagern, dem wackeren Parlamentspräsidenten. Vom großen Liberalen Itzstein, der als Student noch im Freiheitsklub der Mainzer Republik gesessen hatte. Von den Debatten um die Religionsfreiheit, in denen der jüdische Notar Gabriel Riesser aus Hamburg brillierte. Von den Konservativen, die zuletzt vergeblich auf Preußens König setzten. Und von jenen, die hier saßen, die parlamentarische Demokratie aber verachteten, wie der völkische Professor Ernst Moritz Arndt, oder jenen, die im Stillen immer noch dem Ancien Régime anhingen.

Was ließe sich erzählen über die täglichen Malaisen: wie sie alle froren, bis endlich eine Heizung eingebaut wurde. Von den Sitzungen im Schein des neuen Gaslichts. Vom Gezänk in den Fraktionsquartieren: Hotel Deutscher Hof, Casino, Café Milani, Donnersberg. Über das Leben auf der Galerie, wo auch die Frauen saßen und Zwischenrufe wagten – die Frauen, die noch nicht mitbestimmen durften, aber jetzt erstmals ihr Recht auf politische Mitsprache formulierten.

Auch die Reden über das Verhältnis zu Frankreich, zum unterdrückten Polen bleiben mit dem Blick auf das Europa von heute aktuell. Genauso wie die Frage von damals, was Deutschland eigentlich ist und das deutsche Volk und wer dazugehört.

In Tausenden Briefen und zig Autobiografien, in Memoranden und Flugblättern, in vielen, vielen Ansichten und herrlichen Karikaturen sind diese hoffnungsvollen Tage aufgehoben. Zudem hüten die Archive und geschichtlichen Sammlungen der Stadt eine Fülle von Originalrelikten und -reliquien aus den historischen Räumen. Was ließe sich daraus machen!

Ein spannendes Kapitel sind auch die späteren Feiern, zum 25., 50. und 75. Jahrestag der Paulskirche bis hin zur Jahrhundertfeier 1948 im zerstörten Frankfurt. Sie erzählen vom Kampf um die deutsche Demokratie über Generationen hinweg. Bedrückend zu erfahren, dass beim Festakt 1873 – er fand im alten Saalbau statt – neben dem Rednerpult ein preußischer Polizeikommissar in Uniform saß, der sofort einzugreifen hatte, wenn die Ansprache staatsgefährdend respektive majestätsbeleidigend, also zu freiheitlich würde. Rührend dann die Hoffnungen vieler Liberaler auf der Feier 1898, unter Wilhelm II. gehe es vielleicht doch noch voran mit Bürgerrechten und Parlamentarismus – und dagegen die Bitternis der Skeptiker, die nur zu recht behalten sollten. Auch Ludwig Quidde, der Friedensnobelpreisträger von 1927, war damals dabei.

Ein gewaltiges Ereignis schließlich die 75-Jahr-Feier. In schwieriger Zeit, denn gerade hatte die Ruhrbesetzung begonnen, wurde sie zum nachgeholten Gründungsfest der Weimarer Republik. Zigtausende füllten Frankfurts Straßen und Plätze an jenem strahlenden 18. Mai 1923. Auf Laternen und Bäume waren viele geklettert, um Reichspräsident Friedrich Ebert und die Politprominenz des Reiches zu begrüßen. Die Ministerpräsidenten der deutschen Länder, auch Abgesandte des österreichischen Parlaments, dazu die Führer der Parteien waren nach Frankfurt gekommen, um die Republik hochleben zu lassen. Nur die Rechtsradikalen fehlten, die Kommunisten und, natürlich, die Bayern.

Hier saß das Volk!

Im ehemaligen Parlament hielt der Heidelberger Nationalökonom und Soziologe Alfred Weber die Festrede. Er pries "die Männer der Paulskirche" für ihr radikales Bekenntnis zu den Menschenrechten. Die Abgeordneten der Nationalversammlung hätten 1848 das "eherne Fundament" geschaffen, "auf dem künftig jede Staatsgewalt in Deutschland ruhen sollte, den Grundstein gleichzeitig, mit dem sie ihren Staat in das geistige Europa einfügten".

Nichts davon ist in der Paulskirche heute zu spüren. Nur fromme, bleiche Wände und trostlose Vitrinen im Halbdunkel.

Wenn man sich vorstellt, wie dieser Ort in den USA inszeniert würde. In Frankreich. Oder wenn wir nur daran denken, dass überall in Deutschland, wo drei römische Münzen gefunden werden, Luther eine Predigt gehalten oder Königin Luise übernachtet hat, sofort ein multimediales Museum entsteht, mit freundlicher Unterstützung des Staatsministeriums für Kultur und Medien in Berlin, dann bleibt die Frankfurter Situation völlig unerklärlich, unerträglich.

Statt Sakro-Existenzialismus sollte das historisch-politische Plenum zu erleben sein

Dabei ist es ein Leichtes, hier das Notwendige zu tun. Gleich westlich neben der Paulskirche wäre der Ort für ein angemessenes Dokumentationszentrum. Hier an der Berliner Straße, wo inmitten einer verwahrlosten Grünfläche mit drei schiefen Bäumen nur ein schütteres Büstchen des Reichsverwesers von 1848, Erzherzog Johann von Österreich – ausgerechnet! –, aus dem Wucherkraut lugt, gäbe es Platz genug. Wie so etwas aussehen könnte, haben Hambach und viele andere politische Lernorte der Republik längst vorgemacht.

Vor allem muss mit und in dem Bau selbst etwas geschehen. Das fängt schon bei der Außenwand an, die rundum ein wunderliches, völlig beliebiges Sammelsurium von Gedenktafeln bedeckt. Erinnerungsplaketten für Frankfurter und hessische Politgrößen sind darunter, eine Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime wird geehrt, daneben Bundespräsident Heuss und Carl Schurz, der zwar ein kühner 48er, doch niemals Abgeordneter der Paulskirche war. Auch US-Präsident John F. Kennedy, der hier 1963 eine Rede hielt, wird mit einem etwas wirren, vielleicht auch nur schlecht übersetzten Satz zitiert.

Im Inneren aber sollte endlich wieder der parlamentarische Raum erfahrbar werden. Bei allem Respekt vor dem Sakro-Existenzialismus des Rudolf Schwarz muss hier die politische Paulskirche zu erleben sein, das historische Plenum. Dazu sollten vor allem die Emporen, in moderner Form, in den Saal zurückkehren. Denn hier saß das Volk. Hier saßen wir, die Bürgerinnen und Bürger, erstmals in unserer Geschichte als Souverän im deutschen Haus.