Für "geistesgestört" halte er das mit dem 250-Millionen-Euro-Transfer des Brasilianers Neymar erreichte Niveau auf dem Markt der Fußball-Stars, kommentierte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor einigen Wochen bei einem Interview mit der Bild-Zeitung – und konnte sich selbstbewusst zurücklehnen, weil ja niemand mehr von diesem Finanzdurchbruch profitiert hat als sein eigener Club. Bis zu 150 Millionen der von Paris Saint-Germain an den FC Barcelona überwiesenen Neymar-Ablöse werden nach Westfalen fließen, als Preis für das französische Großtalent Ousmane Dembélé, das Dortmund vor nur einem Jahr für 15 Millionen engagiert und mit maximalem Erfolg entwickelt hatte.

In hart geführten Verhandlungen eine Amortisationsrate von 1.000 Prozent durchzusetzen und sich zugleich über deren Vorbedingungen als "geistesgestört" zu beklagen, das sieht aus wie Doppelmoral eines kapitalistischen Biedermanns. Biedermännisch-kleinkariert wirkte es auch, den nach dem Pokalsieg im Juni von Borussia Dortmund gefeuerten Trainer Thomas Tuchel mit keinem Wort zu erwähnen, dem vor allem, wie Dembélé gleich bei seinem ersten Interview in Barcelona betont hatte, die monumentale Wertsteigerung des jungen Spielers zu verdanken war.

Doch die entscheidende Besonderheit im Blick auf den gegenwärtigen Stand und auf die Zukunft des Berufsfußballs in Deutschland, viel wichtiger als exzentrische oder auch nur laute Einzelreaktionen, lag in der Einigkeit der Empörung, mit der Verwalter, Spieler und sogar Fans auf das neue Niveau der Ablösesummen reagierten – während man in England vor allem über den nächsten, Neymar vielleicht überbietenden Sensationstransfer zu einer der eigenen Mannschaften spekulierte und in Spanien besorgt war, vielleicht weitere ganz große Stars an kapitalstarke Clubs aus weniger bedeutenden Ligen zu verlieren.

Anders gesagt: In Paris, London, Manchester, Madrid und Barcelona ging es vor allem – und aus je verschiedenen Perspektiven – um die Frage, wo in Zukunft das beste Spektakel zu sehen sein wird. In diesen Debatten über das Spektakel zeichnet sich eine neue – vielleicht noch weitgehend vorbewusste – Auffassung vom Sport bei einer neuen, internationalen Generation von Zuschauern ab, in der es gar nicht mehr primär um den Sieg oder die Niederlage der einen Mannschaft geht, mit der man sich identifiziert, sondern um das Spiel als Inszenierungsform von Weltstars. Ihre Aura ist mittlerweile auf einem globalen Markt derart gewachsen, dass solche Athleten in den Medien oder gar live zu sehen selbst dann Momente der Intensität hervorruft, wenn sie an einem bestimmten Tag gar keine überragende Leistung zeigen. Unter dieser Voraussetzung treten sowohl die Ligen als Gesamtbühnen und Gesamtunternehmen des Spektakels als auch seine großen Stars gegenüber den einzelnen Clubs mehr in den Vordergrund, und Ähnliches gilt wohl auch für das Verhältnis zwischen der ästhetischen Qualität eines Spiels und seinem Ergebnis. Wer heute vom Fußball in England oder Spanien spricht, denkt eher an das Niveau von Großspektakeln mit Spielern aus allen Ländern als an die jeweiligen Nationalmannschaften.

Zwischen Dortmund und München hingegen scheint in einem sonst ja seltenen Konsens anstelle des Spektakels die Dimension von Sieg oder Niederlage der einen oder anderen Mannschaft viel deutlicher dominant geblieben zu sein, weshalb auch der Wert einzelner Spieler in einem engeren Rahmen bemessen wird: nicht im Kontext des Gesamtspektakels, sondern mit Blick auf seine Funktion innerhalb einzelner Mannschaften.

"Für uns kommt so etwas nicht infrage", stellte deshalb unter dem Eindruck des Neymar-Transfers kategorisch Bayern-Präsident Uli Hoeneß fest, dessen Biederkeit seit seiner Entlassung aus der Haftanstalt selbst die von Watzke schlägt: "Die Fans werden sich das bald nicht mehr bieten lassen, kein Spieler der Welt ist hundert Millionen wert", und sein "Stolz" gelte vor allem dem "selbst erarbeiteten Festgeldkonto" des FC Bayern.

Aus Spektakel-Perspektive ließe sich dieser Position entgegenhalten, dass Milliarden auf einem Festgeldkonto für ein Potenzial von attraktiven Spielern stehen, das die Kapitalverwalter ihren Kunden vorenthalten. Borussia Dortmund hat weniger als ein Drittel der Anzahlungssumme für Dembélé in einen ukrainischen Stürmer namens Andriy Yarmolenko auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit investiert, der sich zwar sehr schnell und wirkungsvoll in den Spielfluss eingefügt hat, aber nie das Karriere-Versprechen und den jugendlichen Glanz seines Vorgängers einholen wird.