Seit dem G20-Gipfel tobt in der Stadt ein Kampf um die Interpretation der Ereignisse. Er wird bemerkenswert plump geführt. Während manch Konservativer am liebsten die Rote Flora schon im Juli mit dem Abrissbagger heimgesucht hätte, versucht die linke Gegenseite, den Einsatz der Polizei als idiotisch hinzustellen, da sie abwechselnd zu früh eingegriffen habe ("Welcome to Hell") oder zu spät (Schanzenviertel). Neueste Volte: Weil im Schanzenviertel keine entsprechenden Beweise sichergestellt wurden, kann es dort ja wohl auch keinen Hinterhalt gegeben haben, vor dem sich die Polizei so fürchtete!

Das ist leider einmal mehr Humbug. Zum Ersten ist die Nachricht nicht neu. Es ist längst bekannt, dass es nach dem Einsatz der Spezialkräfte vier Tage dauerte, bis die Spurensicherung in die Schanze einrückte und nach Beweisen suchte. Ein Versäumnis, gewiss. Anwohner hatten ihr Viertel da längst aufgeräumt. Und auch die Krawalltäter hatten genügend Zeit, ihre Spuren zu verwischen. Der Polizeisprecher hatte den Einsatz von Spezialkräften in der Nacht sogar live im Fernsehen angekündigt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben sich die gut vernetzten Krawallprofis zurückgezogen. Dass die Spurensicherung nichts mehr fand, beweist überhaupt nichts.

Gab es einen Hinterhalt? Hubschrauberbilder zeigen, wie von den Dächern aus Steine auf Polizisten geworfen wurden. Sie zeigen auch, wie jemand per Feuerzeug einen Gegenstand entzündet und hinabwirft. Unklar bleibt nur, ob es ein Molotowcocktail war oder ein Böller. In der Front des Wasserwerfers, der als erster in die Schanze fuhr, fanden die Beamten eine Stahlkugel aus einer Präzisionsschleuder. Selbst die hochgerüsteten und schwer bewaffneten Spezialkräfte wurden laut ihrem Einsatzleiter Michael Zorn vom Gerüst am Schulterblatt 1 aus mit Eisenstangen, großen Steinen und Paletten beworfen. Ob man das einen Hinterhalt nennt oder nicht, ist letztlich egal. Fest steht, dass die Angst der Polizisten vor der Meute in der Schanze berechtigt war.

Was man der Polizei dagegen vorwerfen kann: dass sie bisweilen falsch informiert hat. Wenn der Polizeipräsident sagt, in Altona habe ein Molotowcocktail einen Streifenwagen entflammt, muss das auch stimmen. Dass er jetzt widerlegt wird, schadet der Glaubwürdigkeit der Polizei.

Leider werden die wirklich spannenden Fragen zum Gipfel bislang zu selten gestellt: Warum hat die Polizei die Situation in der Schanze stundenlang eskalieren lassen? Ist sie womöglich auch deshalb zu spät vorgerückt, weil die meisten Kräfte erst noch die Staatsgäste in der Elphi schützen mussten? Wer diese Fragen hartnäckig stellt, kann sich jenseits aller Ideologie tatsächlich um die Aufklärung verdient machen.