I. Was kaufe ich da?

Wer viel Geld für Kunst bezahlt, sollte wissen, was er dafür bekommt. Die Auktionshäuser ermöglichen das mit der Vorbesichtigung: Noch bevor die Auktion eröffnet und das erste Gebot abgegeben wird, dürfen die Interessenten prüfen, ob ein Objekt ihren Vorstellungen entspricht, ob es ihr Geld wert ist.

II. Mindestens zwei Stunden

Die Vorbesichtigung muss sein: "Der Versteigerer hat für die Dauer von mindestens zwei Stunden Gelegenheit zur Besichtigung des Versteigerungsgutes zu geben." Das schreibt die Verordnung über gewerbsmäßige Versteigerungen vor. In China müssen es "nicht weniger als zwei Tage" sein.

III. Vier Tage und mehr

Die meisten Auktionshäuser begnügen sich allerdings nicht mit dieser kargen Frist. Sie laden ihre Kunden gewöhnlich vier bis sechs Tage lang ein, sich anzuschauen, was sie ersteigern können. Und oft geht das Auktionsgut zur Vorbesichtigung auch durch mehrere Städte auf Reisen.

IV. Gekauft wie gesehen

Bei jeder Auktion gilt "gekauft wie gesehen" (in englischen Häusern heißt das "sold in as-is-conditio n") – auch wenn per Telefon oder online geboten wird. Mit anderen Worten: "Die Kunstgegenstände sind gebraucht und werden in der Beschaffenheit versteigert, in der sie sich im Zeitpunkt der Versteigerung befinden", heißt es in den Versteigerungsbedingungen. Denn Fehler und Mängel, ob sichtbar oder unsichtbar, sind – so sie nicht "arglistig verschwiegen" wurden – kein Grund, den Kauf rückgängig zu machen. Auch die Katalogbeschreibungen, "die nach bestem Wissen und Gewissen erstellt wurden, werden nicht Bestandteil der vertraglich vereinbarten Beschaffenheit". Macken werden mitgekauft.

V. Glücksfall und Malaise

Die Prozedur hat ganz unterschiedliche Nebenwirkungen. Einerseits erkannte ein Fotograf bei der Münchner Vorbesichtigung für die Kölner Lempertz-Auktion im Mai 2010 zwei Heiligenfiguren, die 39 Jahre zuvor aus der Ursula-Kapelle in Hohenfurch gestohlen worden waren – obwohl die goldene Fassung inzwischen abgelaugt wurde und die Figuren ohne Bemalung nun das Holz erkennen ließen, aus dem sie geschnitzt waren. Andererseits nutzte der notorische Kunstdieb Stéphane Breitwieser immer wieder Vorbesichtigungen bei Fischer in Luzern, Stucker in Bern, Koller und Schuler in Zürich für seine Diebstähle. 1995 griff er sich vor der Markgrafenauktion in Baden-Baden sogar das handtellergroße Porträt der Sibylle von Cleve von Lucas Cranach (immerhin auf 7,3 Millionen D-Mark taxiert). Das jüngste Beispiel ist Renoirs kleines Ölgemälde Portrait d’une Jeune Fille Blonde, das im September während der Vorbesichtigung bei SGL Enchères in Saint-Germain-en-Laye verschwand.