Wie lange Wang Xiqing noch in seiner Wohnung bleiben kann, weiß er nicht. "Wann genau ich hier rausmuss, entscheide nicht ich", sagt er und lächelt verschmitzt. "Das entscheidet die Natur." Er zeigt ein Foto auf seinem Handy. Ein 18-Jähriger mit schmalem Gesicht lächelt in die Kamera. Unter seinen Wangenknochen bilden sich kleine Grübchen. "Er sieht doch ziemlich gut aus, da wird es nicht lange dauern, bis er eine Freundin findet", sagt Wang. Der Junge auf dem Foto ist sein Sohn. Wenn er heiratet, wird Wang ihm die Dreizimmerwohnung überlassen. Um sie zu kaufen, hat er sich auf Jahrzehnte verschuldet. Und doch ist Wang überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war.

Chinas Immobilienmarkt sorgt regelmäßig wieder für irre Nachrichten. Wie die von dem Unternehmer aus Shenzhen, der im Herbst vergangenen Jahres ein Hotel in eine Anlage voller Miniapartments umgebaut hat – jedes davon gerade mal sechs Quadratmeter groß, Bad und Küche schon eingerechnet. Angeboten zum Preis von umgerechnet 20.000 Euro pro Quadratmeter, waren alle Apartments innerhalb weniger Stunden verkauft. Shenzhen ist die teuerste Stadt Chinas. Aber auch in der Innenstadt von Peking kosten sechzig Quadratmeter Plattenbau inzwischen mehr als eine Million Euro. Für den Immobilienunternehmer Wang Jianlin, dem Magazin Forbes zufolge der reichste Mann Chinas, ist das "die größte Blase der Geschichte".

Der Bauboom geht zurück auf das Jahr 1998. Damals erlaubte die Regierung zum ersten Mal den Kauf von Wohneigentum. Nach Jahrzehnten der staatlich verwalteten Wohnungsnot sehnten sich die Chinesen nach einer eigenen Wohnung. Seitdem ist der Immobilienmarkt ein lukratives Geschäft. Staatliche und private Investoren begannen neue Wohnviertel aus dem Boden zu stampfen. Die Altstädte von Peking, Shanghai und unzähligen mittelgroßen und kleinen Städten wichen immer größeren Bauprojekten. Dann kam die Weltwirtschaftskrise von 2008. Die chinesische Regierung versuchte, den Produktionsrückgang mit einem massiven staatlichen Investitionsprogramm auszugleichen. Die Verwaltungen auf allen Ebenen wurden ermutigt, noch mehr Bauland freizugeben. Staatliche und private Investoren bekamen von den Banken großzügige Kredite und stampften ein Projekt nach dem anderen aus dem Boden. Der Bauboom nahm noch mehr Fahrt auf.

Chinas Großstädte reagierten auf den Preisanstieg mit drastischen Maßnahmen. Käufer müssen jetzt mindestens die Hälfte des Kaufpreises aus ihrem Vermögen bestreiten. Mehr als zwei Wohnungen pro Familie sind nicht erlaubt. Inzwischen meldet die chinesische Regierung sogar erste Erfolge bei der Eindämmung des Booms. Die Wohnungspreise in den meisten Städten steigen nicht mehr so stark oder fallen bereits leicht. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt.

Wo vor Jahren noch Ackerland war, stehen heute fünfzig Hochhäuser

Wang Xiqings Wohnung liegt am Rand von Jinan, der Provinzhauptstadt von Shandong. Man fährt ein paar Kilometer über Brachland, bis man an ein umzäuntes Gelände kommt, in dem sich graue fünfstöckige Wohnblocks aneinanderreihen. Direkt nebenan führt die Hochgeschwindigkeitstrasse der Bahn in Richtung Peking vorbei. Es ist nicht die attraktivste Wohnlage, doch für Wang ist es der erste Immobilienbesitz. 2013 hat Wang die Wohnung für 300.000 Yuan gekauft, das sind etwas mehr als 40.000 Euro. Heute könnte er sich diese Wohnung nicht mehr leisten. Die Preise haben sich seither auch hier in Jinan mehr als verdoppelt. Wang mag sich nicht ausmalen, was aus seinem Sohn werden würde, hätte er damals nicht zugegriffen. Zwar ist es heute üblich, dass sich junge Chinesen selbst aussuchen, wen sie heiraten. Die Bedingungen der Eheschließung werden aber nach wie vor zwischen den beiden Familien ausgehandelt. Und die Eltern der Braut bestehen meist darauf, dass die Familie des Mannes die gemeinsame Wohnung beisteuert. "Ohne diese Wohnung könnte er niemals eine Frau finden", ist Wang überzeugt.

Die meisten Chinesen wissen, dass der Immobilienboom nicht ewig dauern wird. Doch viele sehen keine Alternative. Chinesen sind eifrige Sparer, und in dreißig Jahren hat sich in vielen Haushalten eine Menge Geld angesammelt, für das es nur wenig Anlagemöglichkeiten gibt. Die meisten Unternehmen sind so intransparent, dass der Aktienkauf einem Glücksspiel gleicht. Ins Ausland dürfen normale chinesische Bürger ihr Geld nicht transferieren. Fonds, Anleihen und Investmentpläne, wie sie Bankkunden im Westen seit Langem kennen, sind noch kaum entwickelt.

Dazu kommt, dass die eigene Wohnung eine wichtige Absicherung darstellt. Mieter genießen in China keinen Schutz vor Kündigung oder maßlosen Mieterhöhungen. Wer eine sichere Bleibe haben will, muss kaufen. Und schließlich verpflichtet der Staat die Bürger zum Bausparen. Mit den Sozialabgaben müssen chinesische Angestellte auch in einen staatlichen Bausparfonds einzahlen – ein Viertel des Gehalts fließt jeden Monat auf das Bausparkonto. Wer an dieses Geld will, muss es in Wohneigentuminvestieren. So treibt der Staat den Boom von zwei Seiten an – über die Freigabe von Bauland und staatliche Kredite für Baufirmen sowie über die obligatorische Bausparabgabe.

Wang Xiqing hat sein Erspartes beim ersten Versuch verloren, seinen Immobilientraum zu verwirklichen. Damals ging der Investor pleite. Deswegen hat er die Wohnung für seinen Sohn komplett mit geliehenem Geld finanziert. Die Angst, sein Sohn müsse Junggeselle bleiben, war größer als die Furcht vor der Verschuldung.

Wang ist jetzt 46 Jahre alt. Bis ins hohe Alter wird er die Wohnung abbezahlen müssen. Als Taxifahrer verdient er 4.000 Yuan im Monat, das sind 600 Euro. Ein Drittel davon gibt er für das Studium seines Sohnes aus. Etwas mehr geht in die Tilgung der Schulden – 1.500 Yuan jeden Monat. Ihm selbst bleiben zum Leben nur ein paar Hundert Yuan, das reicht gerade so fürs Essen. Der Druck, der auf der Familie lastete, führte jedoch immer häufiger zu Streit. Seine Ehe ist daran zerbrochen. "Die Schulden waren der wichtigste Grund für die Scheidung", sagt er. Dann zuckt er mit den Schultern.