DIE ZEIT: Herr Mayer-Schönberger, in Ihrem neuen Buch behaupten Sie, dass der Markt uns Verbraucher künftig viel zufriedener machen kann als bisher. Wie soll das geschehen?

Viktor Mayer-Schönberger: Mithilfe von großen Datenmengen kann der Markt künftig Angebot und Nachfrage viel besser zusammenführen. Bisher ging das über den Preis, der ist ein großer Vereinfacher. Wenn wir jetzt davon abrücken und reichere Informationsflüsse zwischen Angebot und Nachfrage haben, wird das alles viel passgenauer, ohne dass diese Koordination viel kostet.

ZEIT: Das in Ihrer Sicht alte System mit dem Preis im Zentrum hat den Vorteil, dass da standardisierte Produkte zu Bedingungen, die für alle gleich sind, über den Ladentisch gehen. Eine ziemlich demokratische Angelegenheit. Wird es in Ihrer Welt gar keine einheitlichen Produkte mehr geben?

Mayer-Schönberger: Wenn ich als Anbieter die Bedürfnisse der Kunden besser kenne, kann ich passgenauer anbieten und den Preis erzielen, den der einzelne Kunde zu zahlen bereit ist. Benötige ich zum Beispiel dringend einen Haarschnitt, werde ich mehr zu zahlen bereit sein als jemand, der etwas Zeit hat und beim Frisör vorbeischaut, ob ein Platz frei ist. Derjenige, dem die Dienstleistung gerade am meisten wert ist, der erhält sie.

ZEIT: Aber wenn der Anbieter weiß, dass es mir dringend ist, dann kann er mir einen höheren Preis abverlangen. Ich werde ausgenutzt.

Mayer-Schönberger: Nein. In Wahrheit gab es hier eine marktwirtschaftliche Ineffizienz, und die wird nun aufgelöst. Während Sie einen höheren Preis bezahlen, kommen jetzt Kunden ohne Dringlichkeit billiger davon. Bisher mussten diese einen überhöhten Preis bezahlen und andere Kunden subventionieren. Es ist aber zutiefst ungerecht, wenn die einen für etwas bezahlen, das sie nicht brauchen, nämlich eine schnelle Lieferung, und die anderen die Zusatzleistung kostenlos erhalten.

ZEIT: Also wird jede Transaktion optimiert?

Mayer-Schönberger: So ist es.

ZEIT: Durch die Passgenauigkeit entsteht ein Mehrwert, klar. Trotzdem ist die Frage, wer das meiste davon für sich einstreicht. Es wird ein neues Ringen geben zwischen Unternehmen und Verbrauchern. Wie wird dieses Ringen ausgehen?

Mayer-Schönberger: Das liegt an den Informationsflüssen. Nehmen Sie TripAdvisor. Meine Eltern haben sich noch Urlaubsreisen nach bunten Prospektbildern ausgesucht – und nach der Auskunft einer Reisebüro-Mitarbeiterin, die nie dort gewesen war. Heute buche ich über große Plattformen mit enormer Zielgenauigkeit und optimiere auch noch den Zeitpunkt der Buchung, sodass es günstig für mich wird. An der Stelle entsteht viel neuer Nutzen für Verbraucher.