"Der sich heimlich und leise anschleichende Winter scheute noch immer die letzten herbstlichen Tage ..." Das hat nicht der diesjährige Büchner-Preisträger Jan Wagner geschrieben, sondern Rosemarie Doms. Ich hatte von ihr auch noch nie gehört. Ich stolperte über den Namen, als ich am vorletzten Samstag in einer großen Buchhandlung vor der Abteilung "Natur" stand. Kurz zuvor hatte ich die Abteilung "Politik" betrachtet und in Büchern geblättert, deren Autoren Gysi, Gabriel oder Schulz heißen. Ihr, dachte ich, kommt später mal dran. Heute nicht. Es gibt ja auch noch was anderes als Politik, den Herbstanfang beispielsweise.

So stieß ich auf das kleine, mit Naturabbildungen illustrierte Buch Wenn es Winter wird in meinem Garten von Rosemarie Doms. Es ist im Thorbecke Verlag erschienen. Da man nie wissen kann, was sich hinter einem Kleinverlag mit unbekanntem Namen ideologisch verbirgt, habe ich ihn zu Hause erst mal gegoogelt. Der Thorbecke Verlag gehört zur Patmos Verlagsgruppe, unter ihrem Dach befinden sich Verlage wie Artemis & Winkler und Sauerländer. Also Entwarnung an der Ideologiefront.

Dann habe ich Wenn es Winter wird in meinem Garten gelesen und Rosemarie Doms mehr und mehr für ihre Hingabe an die poetische Darstellung der Natur bewundert. Ein paar Sätzlein über Jamaika-Koalitionen bringt jeder zustande. Aber fassen Sie mal die besondere Herbstatmosphäre in Worte, wenn der Winter noch überhaupt nicht sichtbar, aber momentweise schon spürbar ist.

Man tut Rosemarie Doms kein Unrecht, wenn man behauptet, es handele sich bei ihrer Prosapoesie um eine Form von Freizeitschriftstellerei. Was unterscheidet sie eigentlich vom Büchner-Preisträger Jan Wagner, der ja ebenfalls über Natur schreibt? Ich meine das keineswegs despektierlich, ich habe mich nur ganz naiv gefragt: Wo hört Hobby auf und fängt Kunst an? Vermutlich bei der bewussten Auswahl und sparsamen Anwendung der Mittel.

Die Formulierung "Der sich heimlich und leise anschleichende Winter ..." beispielsweise bringt sich durch ihren stilistischen Überschuss um ihre Bildkraft. Im Verb "anschleichen" ist das Heimliche und Leise des Vorgangs ja schon enthalten. Das Verb wird durch die adjektivische Erläuterung "heimlich und leise" nur entkräftet. "Der sich anschleichende Winter" klingt sofort stärker und plastischer. Weniger eindeutig erscheint mir die Verzichtbarkeit des Reflexivpronomens "sich". In grammatikalischer Hinsicht ist "der anschleichende Winter" nicht ganz korrekt, in poetischer jedoch wirkungsvoller.

Mit Politik hat das alles im Übrigen nur insofern zu tun, als auch hier die Auswahl und Anwendung sprachlicher Mittel entscheidend sein kann.

Rosemarie Doms: Wenn es Winter wird in meinem Garten. Thorbecke Verlag, Ostfildern 2017; 63 S., 8,99 €