Als Kate und Olivia sich sehen, wissen beide: Jede von ihnen hat in der anderen die perfekte Ergänzung gefunden. Kate entkommt durch die reiche Olivia ihrem ärmlichen Leben, Olivia profitiert von Kates Beliebtheit. Vorsichtig tasten sie sich aneinander heran; sie lernen gemeinsam, teilen bald Wohnung und Geheimnisse, bleiben aber permanent auf der Hut voreinander: bloß die Kontrolle behalten über diese kalkulierte Freundschaft.

Auch Nika und Jenny haben eine Wohnung geteilt, besonders nah waren sie einander jedoch nicht. Ein paar gemeinsame Partys, einige Kaffees in der WG-Küche. Doch nun ist Jenny verschwunden, und Nika kann sich an die vergangenen zweieinhalb Tage nicht erinnern. Als ihre Mitbewohnerin tot aufgefunden wird, gerät Nika unter Verdacht.

Zwei neue Jugendromane erzählen von falschen Freundschaften zwischen jungen Frauen: Teresa Totens Beware that Girl und Ursula Poznanskis Aquila. Beide erkunden im Gewand des Thrillers die Abgründe psychischer Grausamkeiten. Toten erzählt ins offene Messer hinein, das Drama zeichnet sich von Beginn an ab, bis am Ende jemand stirbt. Bei Ursula Poznanski, die für ihren Roman Erebos mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, ist das Schlimmste bereits geschehen.

Mit Teresa Toten geht es ins Upper-Class-New-York, wo Kate und Olivia die Abschlussklasse einer Privatschule besuchen. Zwei 18-Jährige, die den großen Auftritt und teure Kleider lieben. Leisten kann die sich nur Olivia, die in einer Penthousewohnung lebt, Haushälterin inklusive. Ihr Lebensstil beeindruckt die Stipendiatin Kate, die sich mit Nebenjobs in Chinatown über Wasser hält, was sie, genau wie ihre Herkunft, vor den Mitschülern geheim hält. Kate lügt geschickter, Olivia ist gefährlicher, psychisch labil sind sie beide: Eine trägt tiefe Wunden aus Misshandlungen in der Kindheit, die andere wird heute von einem Mitarbeiter ihrer Schule missbraucht.

Von solchen Verletzungen ist die 19-jährige Nika weit entfernt. Bisher hatte sie ein eher beschauliches Leben, und auch die Monate, die sie als Austauschstudentin im italienischen Siena verbracht hat, waren wenig bedrohlich – bis Nika unter Mordverdacht gerät. Anhand kryptischer Notizen, die sie offenbar selbst zusammengekritzelt hat, versucht Nika ihre Gedächtnislücke zu schließen. Allmählich erkennt sie, dass ihre Mitbewohnerin grausame Gewaltfantasien hatte und sie, Nika, nur eins ihrer Opfer ist.

Beide Romane handeln von psychischen Krankheiten, von Ängsten und von Mord. Und beide eint eine tief liegende Moral der heutigen Generation junger Frauen: Der größte Horror ist der Verrat unter Freundinnen. Poznanski und Toten schicken dafür je zwei Frauentypen ins Rennen. Auf der einen Seite stehen Kate und Nika. Sie sind klug (Kate will nach Yale, Nika beherrscht Latein), unabhängig (Kate finanziert sich allein, Nika forscht im Alleingang) und mutig (Kate wehrt sich gegen Autoritäten, Nika kriecht nachts allein in die Kanalisation). Man kann die beiden durchaus emanzipiert nennen. Nicht zufällig erwähnt Teresa Toten mehrfach die amerikanische Dichterin und Symbolfigur der Frauenbewegung Silvia Plath, die über ihre zermürbende Rolle als Hausfrau und Mutter schrieb.