Martin Luther war nicht nur ein Entdecker der Kraft der Wörter und der Macht der Sprache. Der Bibelübersetzer war, als die Kontroversen zwischen Protestanten und Katholiken immer schärfer und einem Krieg immer ähnlicher wurden, auch ein Mann, der die Macht der Bilder erkannte – und sie zu nutzen wusste.

Zunächst für sich selbst: Viele Male porträtierte ihn der Freund Lucas Cranach, um für diesen Charakterkopf zu werben. Später kamen die Porträts der Eltern und seiner Frau Katharina von Bora hinzu. Das Publikum sollte per Bild am Privatleben der Promis teilnehmen, schon damals, nicht erst in der Ära der Illustrierten. Dass Cranach gleichzeitig für Luthers mächtigen Gegenspieler arbeitete, den Kardinal Albrecht von Brandenburg, einen scharfen Verteidiger des Ablasshandels, belebte die Konkurrenz.

Vor allem aber nutzten die frühen Protestanten das Bild, um den Gegner und seine Sache zu attackieren. Karikaturen waren ihr Mittel der Wahl, wenn es galt, den Katholizismus lächerlich zu machen und gern auch, da war man mitten im Thema: zu verteufeln. Luther selber forderte seine Anhänger auf, keine Skrupel zu haben, sondern polemisch und keineswegs versöhnlich zu sein: "Es meynen wol etliche, man solle nu aufhören, das Babstum und geystlichen stand zu spotten. Mit denen hallt ichs nicht, sondern wie die Apocalypsis sagt: Man muß der 'roten huren' voll und wohl eynschenken!" Als "rote Huren" titulierte der Reformator die katholischen Kardinäle, denen einzuheizen sei. "Drumb, lieben Freunde, last uns auch auffs new widder anfahren, schreiben, tichten, singen, malen und zeygen das edle götzen geschlecht! Unselig sey, der hie faul ist."

So aufwieglerisch Luthers Worte, so deftig die Karikaturen. Auf den "bösen Bildern" der Reformation ging es alles andere zimperlich zu – im Vergleich dazu wird Erdoğan der Große heute von den meisten Satirikern geradezu in Zuckerwatte gepackt. Lucas Cranach war als Drucker und Verleger auch jetzt wieder besonders intensiv tätig. Aus seiner Werkstatt kam nicht nur der berühmte Reformationsaltar für die Wittenberger Predigtkirche, sondern 1521 auch ein satirisches Passional Christi und Antichristi: Auf 13 Holzschnitt-Doppelseiten erzählt Cranach das Leben Jesu und konterkariert es durch Auftritte des Papstes. Hier Christus, dort der Stellvertreter Christi als Antichrist (mit Engelchen und bösen Tieren als Dreingabe). Zum Schluss steigt Christus solo hinauf in den Himmel, der Papst fällt samt den Untieren hinunter in die Hölle. Allerdings: Richtig ätzend bis ins Eingeweide war Cranachs Spott nicht, seine Monstren kamen eher aus dem Hause Steiff als aus der Hölle.

Da leistete der Satiriker Thomas Murner 1522 in seinem Buch Von dem großen lutherischen Narren schon andere Verunglimpfungsarbeit. Murner, ein elsässischer Franziskanermönch, war zunächst ein versöhnlicher Kritiker Luthers gewesen, um sich dann zum Lutherbeschimpfer zu steigern. So beschreibt das erste Blatt seiner Chronik, wie man Luther die Narreteien austreiben kann: indem man auf dem am Boden liegenden Narren kniet und ihm mit einem Band all die kleinen Narren aus dem Mund zieht. Zum Schluss werden die Handgreiflichkeiten brutaler als später sogar die Söldner des Glaubenskrieges. Auf dem Blatt "Wie dem luther sein leibfal mit einem katzengeschrei begangen würt" stürzt der tote Luther kopfüber in einen Abort, während Murner die begleitende Katzenmusik dirigiert.

Beinahe harmlos erscheint dagegen jene berühmte Karikatur, die Luther als vagabundierenden Familienvater zeigt. Nun muß es ja gewandert seyn heißt die Radierung, die um das Jahr 1620 entstand. Auf einer Schubkarre, die Luther vor sich herschiebt, hat vor allem sein voluminöser Bauch Platz. In der rechten Hand hält er einen großen Glaspokal (wer viel trinkt, muss nicht so oft nachschenken). Kleine Männerbüsten befinden sich noch auf der Karre, vor allem aber in einem Gestell auf seinem Rücken – das sollen Luthers Freunde und Verbündete sein. Hinter ihm geht eine schmale junge Frau, ihre Kleidung weist sie als Nonne aus, doch trägt sie auch ein Kind auf dem Arm, einen kleinen Luther. Dieses Bild verspottet einmal nicht den theologischen Gefährder, sondern den physisch ausufernden Reformator.

Solchen noch milden Körperspott sollten die Protestanten den Papisten im Übermaß heimzahlen. Im Spottbild auf den Papst von 1568 fanden sie die perfekte Gegenfigur: Nicht unfrommes Übergewicht wird hier aufgespießt, sondern das Kirchenoberhaupt hat keinen richtigen Kopf, sein Gesicht ist nur in Umrissen zu erkennen. Von der Tiara abwärts ist der Papst als Individuum verschwunden, verborgen vom Umhang, begraben unter Weihwasserwedel, Monstranz, Glocke, Rosenkranz und anderen Insignien seiner Macht.

So also sehen die Antipoden der Reformationszeit aus: Luther, der aus dem Leim gegangene entsprungene Mönch. Und der Papst, der von der Last der Instrumente und Dekorationen seines Amtes erdrückte, darunter nur noch als Skelett vorhandene Kirchenregent. Auf diese zwei Figuren konzentrierten sich Häme und Hass. Zum Höhepunkt des Karikaturenkampfes aber wurde 1523 der Papstesel, den Luther und Melanchthon als Flugblatt herausbrachten. Es zeigte ein ungeheuerliches Fabeltier mit Eselskopf, schuppigen Gliedmaßen, nacktem Frauenrumpf, dazu Ochsenhuf und Adlerklaue, schließlich einem Schweif mit Drachenkopf. Kurz, die Wittenberger kreuzten lauter Teufelsattribute. Und darin bestand denn auch die Gemeinsamkeit der Karikaturen: in der Verteufelung der jeweils anderen Konfession.

Der Teufel, seinerseits auch nur ein armer Wicht, wie man später aus Goethes Faust erfuhr, war die Allzweckwaffe der Katholiken wie der Protestanten. Auf dem Titelbild des Buches von Petrus Sylvius Luthers und Lutzbers eintrechtige Vereinigung beispielsweise ergreift ein Teufel mit seinem Schnabel und seinen Fingerklauen die Hand eines naiv furchtsam dreinschauenden Martin Luther. Auf einem Holzschnitt von Johannes Lichtenberger wiederum sitzt der Teufel dem Luther triumphierend im Nacken, wie eine bösartige Großspinne. Melanchthon steht derweil in Kindergröße etwas zweitklassig hinter Luther herum. Doch nicht immer wurde so pauschal karikiert. Ad personam ging es in jenen Porträts des Papstes und des Reformators, die auf argumentative Weise Krieg führten.