Die Hauptstadt Kataloniens ist seit Wochen eine Bühne für Massenaufmärsche. Zuerst traten, Fahnen schwingend, Hunderttausende Separatisten auf. Es folgten, ebenfalls Fahnen schwingend, Hunderttausende Gegner der Unabhängigkeit Kataloniens. Noch sind diese Massen nicht gleichzeitig auf die Bühne getreten. Noch sind sie sich nicht auf den Straßen von Barcelona begegnet. Das aber kann bald geschehen.

"Dann erleben wir einen Zusammenprall!", sagte Josep Borrell, Katalane, Sozialist und ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments. Es war eine letzte, eindringliche Warnung vor einer drohenden Katastrophe.

Borrell sprach sie am Morgen des vergangenen Dienstags aus. Doch Carles Puigdemont ließ sich nicht aufhalten. Am Abend bekräftigte der Präsident das Recht Kataloniens auf einen eigenen Staat, auch wenn er die Ausrufung der Unabhängigkeit verschob. Vorerst jedenfalls.

Nichts kann Puigdemont offensichtlich von seinem Kurs abbringen, nicht die halbe Million Menschen, die noch zwei Tage zuvor in Barcelona gegen eine Abspaltung von Spanien demonstriert haben, nicht die Banken und Unternehmen, die in den letzten Tagen in aller Eile ihren Sitz aus Katalonien abzogen, nicht die Madrider Regierung, die ihm drohte, nicht die Europäische Union, die sich unmissverständlich auf die Seite Madrids gestellt hat. Puigdemont blieb unbeirrt.

Schon Tage vor der mit Spannung erwarteten Ansprache hatten Dutzende Fernsehstationen ihre Übertragungswagen im Parc de la Ciutadella in Stellung gebracht, dem weitläufigen Park, in dem das katalanische Parlament seinen Sitz hat. Am Parlamentseingang standen Polizisten Spalier. Eine lange Geschichte sollte hier ihren spektakulären Höhepunkt finden: Katalonien trennt sich von Spanien und wird ein eigener Staat. Das hat es in der europäischen Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben: Aus dem Körper eines demokratischen Staates – Spanien – würde ein Landesteil herausgeschnitten. Das erschütterte die Grundfesten der Europäischen Union.

Die Anhänger Puigdemonts warteten vor dem Parlament begierig auf eine Szene, die sich normalerweise ereignet, wenn ein Staat unabhängig wird. Der Präsident tritt auf einen Balkon und verkündete dem Volk mit lauter Stimme: "Wir sind frei! Es lebe die Republik!" Dann brandet normalerweise Jubel auf.

Doch nichts dergleichen geschah.

Viele Demonstranten hatten schon Flugzettel in der Hand: "Holá Republica!" Sie wurden an diesem Abend enttäuscht.

Ein eigener Staat, sagt der Präsident, sei eine Frage des Überlebens geworden

Im Kampf mit Madrid sind die Separatisten die Schwächeren. "Es herrscht eine klare Machtasymmetrie zwischen dem spanischen Staat und Katalonien", sagt Pere Vilanova, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Barcelona. "Madrid hat viele rechtliche und politische Möglichkeiten, um die katalanische Regierung in den Griff zu kriegen." Die Zentralregierung hat diese Möglichkeiten zuletzt entschieden und gezielt genutzt und den Separatisten immer schwerere Schläge versetzt.

So hat Madrid schon vor Wochen die Geldflüsse nach Barcelona unter seine Kontrolle gebracht. Die Zentralregierung verabschiedete ein Gesetz, das es Unternehmen erleichterte, Katalonien zu verlassen. Sie setzte die Führung der katalanischen Polizei wegen Verweigerung des Gehorsams unter Druck, gleichzeitig überließ sie aber dieser Polizei am Tag der vermeintlichen Unabhängigkeitserklärung die Bewachung des Parlaments. Hätte nämlich die Guardia civil oder die Nationalpolizei das katalanische Parlament bewacht, wäre allzu leicht der Vorwurf gefallen, hier sei die spanische Besatzungsmacht am Werk. Die Regierung wollte offenbar vermeiden, dass wieder Bilder entstanden wie am 1. Oktober, als Polizisten auf Menschen einprügelten, die am Unabhängigkeitsreferendum teilnehmen wollten. Bilder, die von den Separatisten weidlich ausgenutzt wurden, um den äußersten Schritt zu rechtfertigen, der an diesem Dienstagabend erfolgen sollte.

Benet Salellas trat bereits am Montag vor die Presse. Salellas ist Abgeordneter der linksradikalen CUP-Partei, des kleinen Koalitionspartners in der katalanischen Regierung. Wieder und wieder sprach er über den Polizeieinsatz und bezeichnete Spanien als "autoritären, gewalttätigen Staat". Die einzige Möglichkeit, mit diesem Staat auf Augenhöhe zu sprechen, "ist, dass wir unabhängig werden. Erst wenn wir einen eigenen Staat haben, werden sie uns respektieren." Auch Carles Puigdemont verwandte in seiner Rede mehrere Minuten auf die Ereignisse vom 1. Oktober: "Ein eigener Staat", so seine Schlussfolgerung, "ist für uns eine Frage des Überlebens!" In ihrem eigenen Verständnis handelt die katalanische Regierung gewissermaßen aus Notwehr. Sie flieht aus einem Haus, in dem ein gewalttätiger Patriarch ein lebensbedrohliches Regiment errichtet hat.

Aber wie kommt Katalonien auf Augenhöhe, wenn die Machtverhältnisse so eindeutig sind? Wie wird der Kleine groß?