Sie hat die Bücher "exquisit" genannt. Als Sara Danius, Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, bekannt gab, dass der englische Autor Kazuo Ishiguro den Nobelpreis 2017 bekommt, tat sie es knapp, in drei, vier Sätzen, mit einem Vibrato von kontrolliertem Enthusiasmus, und nichts könnte passender sein für diesen Autor, von dem es nur einige wenige Bücher gibt, die auf ihre unnachahmlich ruhige Weise von tiefen, aufwühlenden Dingen erzählen. Danius sagte: "wahrhaftig exquisit", sie sagte: "Alle seine Bücher sind wunderbar!" Man könnte sagen, sie verriet sich als Ishiguro-Infizierte, vermutlich süchtig geworden von diesem Sound eines Ishiguro-Textes, der meist aus dem ruhigen Gedankenstrom einer einzigen Person entsteht und doch das ganze Sein umfasst.

Sara Danius lehrt Literatur an der Universität in Stockholm, sie hat in Großbritannien Kritische Theorie studiert und in Amerika promoviert, Veröffentlichungen zu James Joyce und Walter Benjamin, Marcel Proust et cetera. Sie ist nach 200 Jahren die erste Frau an der Spitze dieses Gremiums aus Literaturmenschen, die sich jedes Jahr kollektiv ohrfeigen lassen müssen von Menschen, die sich auch für Literaturexperten halten, also die besseren, für ihre Entscheidung für einen der Abertausenden wundervollen Autoren dieser Welt. Weshalb Danius wohl quasi vorbeugend und gelehrt hinzusetzte, Ishiguros Literatur sei in etwa so, als habe man Jane Austen und Franz Kafka abgemischt, in einer Nussschale, eine Prise Marcel Proust dazugegeben, dann umgerührt, sehr vorsichtig.

Kazuo Ishiguro sagte in seiner ersten Reaktion auf den Nobelpreis, es gebe ja noch viele wundervolle Autoren auf der Welt, die ihn auch verdient hätten – Salman Rushdie und Haruki Murakami, Margaret Atwood, Cormac McCarthy. So war alles da, die Weltliteratur und der Gestus der Bescheidenheit, den der Autor mit seinen Charakteren teilt, das Sichzurücknehmende. Der Blick für die Komplikationen der Welt. Das Versöhnliche, das sein Werk auch ausstrahlt.

Kazuo Ishiguro ist ein Japaner, der in England aufwuchs, er ist ein Engländer, der sich an Japan erinnert, wo er 1954 geboren wurde. Aus dieser Distanz zwischen den Kulturen ist sein beobachtender, der sorgfältige, das Fremde vermessende Blick gewachsen. Er richtet sich auf Menschen, die typischerweise auf ihr Leben zurückblicken wie auf eine Landschaft, in der sie sich verloren haben, sie sind darin, wie Proust es war, auf der Suche nach sich selbst. Auch die Bücher bilden eine schöne Text-Landschaft, aber die ist trügerisch. Auf diese Bücher und das in ihnen geschilderte Leben trifft zu, was Robert Musil einmal sagte: "Das Leben bildet eine Oberfläche, die so tut, als ob sie so sein müsste, wie sie ist, aber unter ihrer Haut treiben und drängen die Dinge."

Kazuo Ishiguro stellt eine Oberfläche her, über die der Leser hinweggleitet mit dem Strom der Erzählung, während es unter ihm knirscht, Risse aufspringen, etwas Gefährliches hervorbricht, derweil die Erzählung im Ton weiterfließt, als lasse sich so das Unheilvolle bändigen.

Eine Mutter, die ihr Kind durch Suizid verlor – Damals in Nagasaki, das Debüt, 1982. Ein Maler, der auf ein erfolgreiches Leben blickt, im Dienst der Faschisten Japans – Der Maler der fließenden Welt, 1986. Ein Butler, der als alter Mann der Einsicht auszuweichen versucht, dass er am Ende seines Lebens nichts mehr in Händen hält – Was vom Tage übrig blieb, 1989. Ein Mann, dessen Leben geprägt wurde von der Erfahrung, dass seine Eltern in seiner Kindheit verschwanden – Als wir Waisen waren, 2000. Eine Lehrerin, die ihr Bestes gibt in etwas, das wie ein Paradebeispiel einer kostbaren britischen Privatschule aussieht, aber ein furchtbares Geheimnis birgt – Alles, was wir geben mussten, 2005.

Diese Erzählweise hat den Stil eines Bewusstseinsstroms, der sich James Joyce und Virginia Woolf verdankt, aber anders als diese zieht Ishiguro einen nicht unter die Schädeldecke eines einzelnen Menschen, sondern wir werden dazu angehalten, auch in die Welt zu schauen. Da ist die verstrahlte Ödnis um Nagasaki, welche die Stimmung der verwaisten Mutter spiegelt und prägt. Das ist das idyllische Landhaus, der Inbegriff von Britishness, aber es ist ein Ort, an dem sich der faschistisch gesinnte Adel versammelte, wie es die Mosleys damals taten, im Banne der Ideologie eines deutschen Fanatikers, ein Verrat von Britishness. Die Zuchtstation für Kinder, die als Organersatzteillager dienen, wir sind in einer Gesellschaft gelandet, die ihre Kinder ausschlachtet, ohne Gnade oder Mitgefühl.