Es ist einer der fiesesten Gerüche überhaupt: Das Sekret, das Stinktiere versprühen, wenn sie sich bedroht fühlen, riecht angeblich wie eine Mischung aus Knoblauch, verbranntem Gummi und Erbrochenem. Wenn sich ein Stinktier aufrichtet und einem diese Flüssigkeit aus zwei Drüsen an seinem Hinterteil direkt ins Gesicht pustet, kann man vorübergehend sogar erblinden, warnen Experten.

Stinktiere stehen also ziemlich weit unten auf der Liste beliebter Haustiere. Für Bixby Alexander Tam, kurz Bat, ist ein Stinktier allerdings genau das Richtige. Als seine Mutter das schwarz-weiß gestreifte Fellbündel aus ihrer Tierarztpraxis mit nach Hause bringt, kümmert er sich liebevoll um Stinktierbaby Thor, dessen Mutter von einem Auto überfahren wurde. Er füttert den Kleinen alle paar Stunden mit einer Aufziehspritze und trägt ihn in einer Stoffschlaufe spazieren.

Die Idee von Keine Angst vor Stinktieren klingt erst mal nicht neu – schließlich gibt es jede Menge Bücher über Kinder mit ungewöhnlichen Haustieren. Trotzdem ist dieses besonders. Einmal, weil Bat selbst ein besonderer Junge ist: Der Achtjährige kann nicht so gut mit anderen Kindern. Statt mit ihnen zu spielen, setzt er lieber Ohrenschützer auf und löst Matheaufgaben.

Besonders ist die Geschichte aber auch, weil die Autorin Elana K. Arnold die Welt immer mit Bats Augen sieht. Sie spürt, warum es für ihn eine Katastrophe ist, wenn unerwartet der Vanillejoghurt alle ist, und dass er den Schlafanzug seiner Schwester nur aus Liebe zu ihr in den Stinktierkäfig gelegt hat. Bats Zusammenstöße mit anderen erzählt Elana K. Arnold ausgesprochen witzig, aber ohne sich über den Jungen lustig zu machen.

Witzig und gleichzeitig ehrlich schildert sie auch Bats Familie, in der sich alle gern haben, manchmal aber auch ganz schön auf die Nerven gehen: seine Schwester Janie, die vieles besser weiß und schneller kann als ihr kleiner Bruder – vom Erdnussbutterbrote-Schmieren bis zum Freunde-Finden. Und sein Vater, den Bat nur am "Alle-zwei-Wochen-Freitag" sieht. Der meint es wirklich gut mit seinen Kindern, versteht aber einfach nicht, dass es Quatsch ist, "Vorsicht!" zu rufen, wenn jemand sein T-Shirt schon bekleckert hat. Zum Glück hat Bat auch noch seinen geduldigen Lehrer Mr Grayson und vor allem seine Mutter. Die Tierärztin kennt sich nicht nur mit angefahrenen Stinktieren, nervösen Hunden und angeschossenen Bussarden aus, sondern weiß auch, was in ihrem eigenwilligen Sohn steckt.

Der entwickelt sich innerhalb weniger Wochen zu einem erstklassigen Stinktierhalter. Er wischt seinem Schützling nach dem Kacken sogar das kleine Hinterteil sauber. Trotzdem soll Thor irgendwann zurück in die Wildnis. Aber Bat will nicht mehr ohne Stinktier leben. In seiner Not schreibt er einem der weltweit führenden Stinktier-Experten, Dr. Jerry Dragoo. Den gibt es übrigens wirklich, man kann ihn googeln.

Ob Dr. Dragoo den rettenden Ausweg findet, verraten wir natürlich nicht. Das Ende ist aber sowieso nicht das Wichtigste an dieser Geschichte. Es sind die vielen kleinen Momente, die Bat mit seinem Haustier erlebt. Der schönste: als der blind geborene Thor ihn zum allerersten Mal anguckt. Da entdeckt Bat, der Blicken sonst eher ausweicht, was einzigartig ist an seinem Stinktier: nicht etwa ein fieser Geruch, sondern Thors schwarze, weltraumtiefe Augen.

Elana K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren.
Deutsch von S. Hachmeister; Carlsen Verlag 2017; 144 S., 10,99 €