Kinder können nicht mehr warten. Sie wollen alles, und zwar sofort. So sagt es das kollektive Vorurteil und manchmal auch die Alltagserfahrung. Die Wissenschaft sagt etwas anderes: Kinder können heute besser warten als vor 50 Jahren, und zwar nicht nur ein bisschen besser, sondern fast dreimal so lang. Das fand der Psychologe John Protzko von der University of California heraus, als er die Ergebnisse vieler Marshmallow-Tests verglich. In diesem Klassiker unter den psychologischen Experimenten werden Kinder vor die Wahl gestellt: entweder eine Süßigkeit sofort – oder zwei später. Wer warten kann, beherrscht den Belohnungsaufschub, so der Fachbegriff. Und wer nicht kann? 1968 hielten Testpersönchen es im Schnitt drei Minuten lang aus, bis sie sich doch über die Leckerei hermachten. Heute schaffen sie durchschnittlich acht Minuten.

Also, liebe Eltern, liebe Tanten und Onkel: Ihr seid zu pessimistisch. Und liebe Forscher: Ihr auch! Protzko hatte nämlich vorab 260 Entwicklungspsychologen nach ihrer Vermutung gefragt, wie der Marshmallow-Vergleich ausgehen werde. Mehr als die Hälfte meinten, Kinder könnten heute eine Belohnung nicht mehr so gut aufschieben, ein weiteres Drittel erwartete keine Veränderung. Nur 16 Prozent glaubten an die Kinder. Jüngere schlechtzureden scheine "eine Art kognitive Macke des Menschen" zu sein, meint Protzko. Da sollten die Älteren unbedingt versuchen, sich ebenfalls weiterzuentwickeln.