Immer kurz vor den Weihnachtsferien erhält Marlene ein mysteriöses Paket. Es sieht gar nicht besonders auffällig aus, doch über das, was drinsteckt, darf die Elfjährige mit niemandem sprechen. Es sind Texte, aus denen einmal Bücher werden und die bisher kaum jemand kennt. "Ich darf die Geschichten schon lesen, wenn sie noch geheim sind", sagt Marlene. Das allein findet sie bereits toll. Noch besser aber gefällt ihr, dass sie danach sagen darf, was sie an einer Geschichte gut findet und was nicht.

Marlene gehört zu den 24 jungen Testlesern des Carl Hanser Verlags in München. In diesem Verlag erscheinen zum Beispiel die EllaBücher. Zweimal im Jahr bekommen Marlene und die anderen Testleserkinder vom Verlag Manuskripte – so nennt man die Texte, aus denen später Bücher werden. Alle haben dann etwa zwei Monate Zeit, um sie sich genau anzuschauen.

"Zu jedem Text schreibe ich mir auf, was mir daran gefallen hat und was ich verbessern würde", sagt Jonathan. Er ist zwölf Jahre alt und ebenfalls Testleser. Seine Notizen bringt Jonathan dann mit zu den Treffen im Verlagshaus. Er, Marlene und die anderen Testleser sitzen dort mit Mitarbeitern aus dem Verlag zusammen. Die hören den Kindern genau zu, wenn sie spannende Geschichten loben oder über langweilige Helden meckern, wenn sie Änderungen am Text vorschlagen und überlegen, ab welchem Alter Kinder eine Geschichte verstehen. Das kann schon mal mehr als eine Stunde dauern. Auch die Verpackung, also den Umschlag und das Cover eines Buchs, schauen sich die Testleser an. "Wir sagen, welches wir gut finden und ob es zum Buch passt", sagt Marlene, "und auch, ob wir es kaufen würden."

Mit dem Verkauf von Büchern verdienen Verlage Geld. Und natürlich hoffen sie, dass sich ein Buch möglichst oft verkauft. Bis es im Laden steht, arbeiten viele Menschen oft mehrere Monate, manchmal Jahre daran. Zuerst schreibt der Autor eine Geschichte, die wird beim Verlag verbessert, dann bekommt das Buch eine Hülle. All das tun und entscheiden Erwachsene. Doch gefallen sollen die Bücher ja den Mädchen und Jungen. Deshalb fragen Verlage Kinder wie Marlene und Jonathan nach deren Meinung, noch bevor sie die Bücher veröffentlichen. "Die Testleser helfen uns, unsere Bücher zu verbessern", sagt Saskia Heintz, die Kinderbuchchefin beim Hanser Verlag. "Oft bringen sie uns auch auf Ideen für ganz neue Geschichten."

Und was geschieht, wenn Marlene, Jonathan und den anderen Testlesern etwas nicht einleuchtet oder nicht gefällt? Beim Hanser Verlag wird schon mal etwas an einer Geschichte geändert oder ein Cover neu gestaltet. So war es zum Beispiel bei dem Buch über die elfjährige Anuka. Das Mädchen muss arbeiten, weil seine Familie arm ist. Schließlich bekommt Anuka Hilfe von anderen Kindern. "Die Geschichte war toll", sagt Marlene. "Aber auf dem Cover war nur Anuka abgebildet. Wir fanden, dass man auch die anderen Kinder zeigen sollte." Jonathan hat am Cover gestört, dass der Hintergrund rosa war. "Die Geschichte ist für Mädchen und Jungen, aber ein rosafarbenes Buch nimmt doch kein Junge in die Hand!", sagt er. Der Verlag ließ das Cover daraufhin überarbeiten: Nun zeigt es vier Kinder vor einem hellblauen Hintergrund. Auch der Titel wurde geändert: Statt nur Anuka heißt das Buch Alle für Anuka.