Die Zweifel kamen im Spätsommer. Kurz nach dieser Sache mit dem giftigen Fipronil in den Eiern. Seither stehe ich im Supermarkt jedes Mal ratlos vor dem Eierregal. Was soll ich denn jetzt kaufen? Bio, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung? Von nah oder fern? Wie war das gleich mit Stempeln wie 2-DE-0123456 oder 1-NL-007007 oder 0-AT-irgendwas? Sind die noch Fipronil-verpestet? Oder ungefährlich? Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat ja jetzt ein "Verzehrmodell" für belastete Eier entwickelt und kommt nach einer achtseitigen Analyse zu dem Schluss, dass eine "gesundheitliche Gefährdung unwahrscheinlich" sei. Sicher lässt sich diese Analyse methodisch angreifen, außerdem war sie nur vorläufig, und wer weiß, was noch alles herauskommt.

Aber andererseits, hey!, was soll der Aufwand? Die belasteten Eier sind längst aufgegessen. Ich lebe noch. Und ich kann mich wirklich nicht um alles kümmern. Mir ist schon klar, dass erst die Haltung von zigtausend Hühnern in einer Halle überhaupt jemanden dazu bewogen hat, die Ställe mit Fipronil zu reinigen.

Aber was soll ich hier und jetzt kaufen?

Konsum ist kompliziert geworden. Wie viele Menschen muss ich auf mein Budget achten. Aber ich will auch bewusst konsumieren, weil jede meiner Kaufentscheidungen die Welt verändert. Konsum ist Politik mit dem Einkaufswagen, so habe ich es gelernt. Im Supermarkt, bei der Wahl meines Stromanbieters, bei der nächsten Urlaubsreise, beim Kauf eines Autos und tausend anderen Dingen mehr. Jede Entscheidung will wohlüberlegt sein.

Ich will meine Gesundheit erhalten und deswegen die richtigen Eier kaufen. Natürlich will ich auch die armen Hühner nicht vergessen, die sie gelegt haben. Die Umwelt im Allgemeinen achten und das Klima im Besonderen. Den Verpackungsmüll reduzieren. Ich möchte die Arbeitsbedingungen auf äthiopischen Kaffeeplantagen zum Besseren beeinflussen, ebenso die Reproduktionschancen der Heringe vor der dänischen Küste, die Zukunft des indonesischen Regenwalds und das Leben der Hybridschweine im Stall von Bauer Peddersen im Landkreis Vechta. Der Nitrateintrag im oberflächennahen Grundwasser des ländlichen Niedersachsens soll nicht meinetwegen steigen und auch nicht die Stickstoffdioxidbelastung deutscher Innenstädte.

Aber offen gestanden wird mir das alles ein bisschen viel. Ich fürchte, auf Dauer packe ich das nicht.

Dabei hört sich alles so gut an, so logisch und simpel. Ich weiß aus den Medien, welche hässlichen Folgen mein Konsum haben kann. Von moralischen Aufklebern auf rostigen Renaults weiß ich, dass ich Geld nicht essen kann, wenn erst der letzte Baum gerodet und der letzte Fisch gefangen wurde. Dank regelmäßiger Ermahnungen meiner Facebook-Freunde werde ich auch sicher nicht vergessen, dass wir die Erde von unseren Kindern nur geliehen haben.

Ich weiß das alles, Freunde! Selten war mehr Transparenz. Niemand kann mehr ernsthaft behaupten, er habe noch nie von Massentierhaltung, Kinderarbeit und gewaltigen Mengen an Plastikmüll in den Ozeanen gehört.

Umweltschützer, Tierrechtsaktivisten und Journalisten haben die Kausalketten nachgezeichnet, die von meinem Einkaufswagen bis zu fast jedem globalen Problem reichen. Und, ja, ich kenne das darauf aufbauende Mantra des sittlichen Konsums: "Wenn jeder aufhören würde, dieses oder jenes Produkt zu kaufen, würde es vom Markt verschwinden." Der Satz ist so wahr wie der, dass morgen keine Geldsorgen mehr hat, wer heute den Jackpot beim Lotto knackt. Nur passiert das halt nicht. Das mit dem Lotto nicht. Und das mit dem kollektiven Verzicht auch nicht.

Voranzugehen ist ökonomisch riskant. Bessere Konsumentscheidungen zu treffen bedeutet in den meisten Fällen, mehr Geld auszugeben. Den Nachteil des höheren Preises spüre ich sofort. Ob aber an anderer Stelle ein Vorteil eintritt, bleibt ungewiss: Kaufe ich einen CO₂-neutral erzeugten Apfel, bezahle ich etwas mehr Geld. Es steht aber keinesfalls fest, dass alle anderen Konsumenten mitziehen. Und ein Apfel wird nichts ändern.