Vor 500 Jahren schlug Martin Luther der Legende nach seine 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür. Und veränderte die Welt. Dass die Reformation den Gang der Geschichte in vielfältiger Weise beeinflusste, hat mit dem Bildungsschub zu tun, den sie auslöste. Dies belegt die Forschung, für die ich mit Sascha Becker von der Warwick University sowie weiteren Kollegen Daten untersucht habe, die das Königlich Preußische Statistische Bureau seit der ersten Volkszählung 1816 gesammelt hat. Sie geben zum Beispiel Auskunft über Einkommensverhältnisse, Schul- und Kirchenbesuche, über Familiengrößen und die Infrastruktur der 450 preußischen Stadt- und Landkreise – und schlummerten mehr als 100 Jahre lang in Archiven. Unsere Forschung führt zu 9 + 5 Thesen im Lutherjahr. Die ersten neun Thesen leiten sich aus unseren Ergebnissen unmittelbar ab und bilden zugleich die Basis für die fünf ergänzenden Thesen.

1. Die Reformation löste einen Bildungsschub aus.

Zu Luthers Zeit konnte bestenfalls ein Prozent der deutschen Bevölkerung lesen und schreiben. Vor diesem illustren Hintergrund verfasste Luther 1524 die Schrift An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen. Auch die Eltern nahm er in die Pflicht, sie sollten ihre Kinder "zur Schule halten". Für Luther stellte die Bibel den direkten Bezug Gottes zu den Menschen dar. Deshalb sollte jeder gute Christenmensch das Wort Gottes selbst lesen. Aber dazu muss man zunächst einmal lesen lernen. Und so überprüften Luthers Mitstreiter bei regelmäßigen Besuchen, ob die Gemeinden eine ordentliche Grundbildung sicherstellten. Die Folge war ein regelrechter Bildungsboom. Die preußischen Daten belegen, dass 1816 die Schulbesuchsquote in protestantischen Kreisen bei über zwei Dritteln lag, in katholischen hingegen bei unter 50 Prozent. Als die Volkszählung 1871 erstmals die Alphabetisierung der Bevölkerung erhob, konnten in den protestantischen Kreisen 90 Prozent lesen und schreiben, das waren acht Prozentpunkte mehr als in den katholischen.

2. Mädchen profitierten vom protestantischen Bildungsschub stärker als Jungen.

Nur drei Jahre nach dem Thesenanschlag forderte Luther in seiner ersten reformatorischen Hauptschrift: "Und wollte Gott, eine jegliche Stadt hätte auch eine Mädchenschule." Dementsprechend zeigen die preußischen Daten, dass der protestantische Bildungsvorsprung gegenüber den Katholiken bei den Frauen besonders stark ausgeprägt war.

3. Die bessere Bildung der Protestanten erklärt weitgehend ihren wirtschaftlichen Vorsprung.

Der protestantische Bildungsschub hatte wirtschaftliche Folgen: Im 19. Jahrhundert erzielten die Protestanten höhere Einkommen als die Katholiken und arbeiteten verstärkt in modernen Sektoren außerhalb der Landwirtschaft, etwa in der chemischen Industrie, der Metallverarbeitung oder dem Handel. Dieser wirtschaftliche Vorsprung lässt sich empirisch fast komplett auf ihre bessere Bildung zurückführen. Die ökonomische Auswirkung der Reformation war in der Form sicherlich nicht beabsichtigt, ist aber bis heute spürbar: Noch immer haben Protestanten ein höheres Bildungsniveau – und dadurch höhere Einkommen.

4. Die Bildung der Bevölkerung spielte eine wichtige Rolle in der industriellen Revolution.

Auch jenseits der protestantischen Wirtschaftsgeschichte hatte die durch die Reformation ausgelöste Bildungsexpansion weitreichende Folgen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass in Preußen im 19. Jahrhundert ohne das hohe Bildungsniveau ein Drittel weniger Arbeitnehmer in den neu entstandenen Industriezweigen beschäftigt gewesen wären.

5. Die steigende Bildung trug auch zum demografischen Übergang am Ende des 19. Jahrhunderts bei.

In der von Thomas Malthus 1798 beschriebenen vorindustriellen Welt führte wirtschaftlicher Fortschritt zu mehr Geburten, sodass das Einkommen pro Kopf auf dem Existenzminimum stagnierte. Wiederum war es Bildung, die zu sinkenden Kinderzahlen und damit zu modernem Wachstum beitrug. Zum einen kann sich eine Familie nicht so viele Kinder "leisten", wenn sie mehr in die Bildung eines jeden Kindes investiert. Zum anderen, so zeigen die Daten, entschieden sich besser gebildete Ehepaare für weniger Kinder.

6. Die Zuwanderung gut gebildeter Hugenotten beförderte die technologische Entwicklung.

Schon weit vor der industriellen Revolution lässt sich der positive wirtschaftliche Beitrag der Protestanten belegen. Ab 1685 flohen viele gut ausgebildete Hugenotten vor religiöser Verfolgung in Frankreich nach Brandenburg-Preußen und fanden dort Beschäftigung in der Textilproduktion. Der Wirtschaftshistoriker Erik Hornung hat gezeigt, dass Textilhersteller in denjenigen preußischen Städten, in denen sich Hugenotten ansiedelten, ein Jahrhundert später wesentlich produktiver waren. Die Zuwanderung Hochqualifizierter kann den technologischen Entwicklungsstand also nachhaltig verbessern.

7. Der Protestantismus führte zu einer deutlichen Erhöhung der Selbstmordrate.

Neben den positiven Aspekten hat die Forschung auch weniger schöne Tendenzen aufgezeigt, eine "dunkle Seite" der Reformation. So lag die Anzahl der Selbstmorde in den protestantischen Gegenden Preußens deutlich höher als in den katholischen.

8. Durch die Reformation wählten Studierende eher säkulare als religiöse Fächer und Berufe.

Die Reformation führte dazu, dass viele Ressourcen aus kirchlicher in säkulare Nutzung flossen: Anstelle von Kirchen und Klöstern wurde in protestantischen Gebieten verstärkt in Brücken, Paläste oder Schulen investiert. Auch studierten die Menschen dort zunehmend säkulare Fächer anstelle von Theologie. Ebenso arbeiteten Hochqualifizierte häufiger in der säkularen Verwaltung.

9. Der Bildungsschub trug zu sinkendem Kirchenbesuch und damit zur Säkularisierung bei.

Daten der Abendmahlsstatistik der protestantischen Landeskirchen (es wurde gezählt, wie viele Menschen das Abendmahl empfingen) belegen einen deutlichen Rückgang im Kirchenbesuch an der Wende zum 20. Jahrhundert, die Alltagsbedeutung der Kirche sank. Unsere Forschung zeigt, dass eine wichtige Ursache dafür im zunehmenden Besuch von höheren Schulen liegt. Dabei ging der Bildungsschub dem Rückgang der Kirchenbesuche voraus und nicht umgekehrt. Insofern legte die Bildungsexpansion des Protestantismus die Grundlage für den Rückgang der Kirchlichkeit in den eigenen Reihen.