Nein, sagt Péter Nádas, diese 1.300 Seiten handeln nicht von ihm. Die Literaturkritikerin und der große Vermesser der europäischen Seelenlandschaften des 20. Jahrhunderts sitzen am Sonntagnachmittag im Hotel Frankfurter Hof im gehobenen Saftfläschchen-und-Kaffeekannen-Ambiente der herannahenden Buchmesse. Das Buch, über das wir sprechen, ist von dieser Frankfurter Gegenwart so weit entfernt, dass sich ein Zusammenhang mit bloßem Auge kaum erschließt. Es ist das aller Voraussicht nach letzte große Werk des nach Ansicht der Literaturkritikerin bedeutendsten lebenden osteuropäischen Schriftstellers, sein Vermächtnis, seine wahre Geschichte.

Péter Nádas wurde am 14. Oktober vor 75 Jahren, einem Mittwoch, in Budapest geboren. Es war der Tag, an dem die Bewohner des Ghettos von Misotsch am frühen Morgen in den nahen Talkessel getrieben wurden, wo sie sich nackt ausziehen mussten, bevor sie von den Männern des Einsatzkommandos 9 erschossen wurden. Der Autor Nádas beschreibt in seinem Buch die Fotos, die ein deutscher Gendarm von den nackten Frauen an seinem Geburtstag gemacht hat. Am Ende seines Lebens möchte er die Dinge geordnet hinterlassen, alles archivieren, die Gesichter und Gestalten aus dem Chaos der Vernichtung herausheben, zusammentragen, Inventur machen.

Die jahrzehntelange Arbeit an seinen beiden Romangiganten Parallelgeschichten und Buch der Erinnerung, in denen er davon erzählt hat, wie tief das 20. Jahrhundert in die Körper, die Gefühle, Gesten und Gedanken der Europäer eingedrungen ist, hat ihn selbst literarisiert. Manchmal hatte er in der Vergangenheit das Gefühl, vollständig aus Fiktionen zu bestehen.

Daraus entstand der Wunsch, endlich auf das Fiktive zu verzichten und das schriftstellerische Ego zu eliminieren. Er sagt das mit seiner wunderbar bebenden Ruhe in dieser Vorbuchmessen-Stille: "Sich von der schriftstellerischen Eitelkeit zu befreien ist ein großes Erlebnis." Die Ich-Aufgeblasenheit der aktuellen Epoche, in der die Selbstverwirklichung von Millionen sogenannten Individuen der letzte verbliebene Lebenssinn ist, hält er für eine Verirrung. In seinen Memoiren wollte er herausfinden, "wie ich bin ohne mein Ich", wollte die Grundmauern des Bewusstseins erkunden, in denen sich die Vergangenheit in Form von Tatsachen abgelagert hat, "an denen man nicht rütteln kann".

Natürlich ist auch dieses Buch von Péter Nádas wieder monströs geworden, beständig zwischen Nah- und Ferneinstellung wechselnd, eben noch atemberaubend mikroskopisch, ein Fest der Details und Nuancen, im nächsten Augenblick epochal und essayistisch – eine unmögliche, beinahe grenzenlose Totale des verschwundenen osteuropäischen Jahrhunderts. Anders ging es nicht. "Ich wollte", schreibt Nádas, "die Geschichte der zwei großen Massenmorde des Jahrhunderts kennen und verstehen und vor allem die Geschichte der kommunistischen Bewegung, die für mich keinen Anfang, kein Ende hatte."

Erst im Juni hat er das Buch nach zehnjähriger Schreibarbeit abgeschlossen. Am liebsten hätte er es zuerst auf Deutsch veröffentlicht. Die Veröffentlichung in Ungarn schien ihm riskant, denn das Buch erinnert an Menschen wie seine Eltern, die ihr Leben in den Dienst der gescheiterten kommunistischen Großideologie gestellt haben, von der in seiner Heimat niemand mehr spricht. Europa habe die Hälfte seiner Geschichte aus seinem Gedächtnis gelöscht: "Man hat diese große europäische Bewegung verschwiegen und aus der Welt geschafft, als habe sie nie existiert." Die ungarische Revolution von 1956 sei die letzte europäische Revolution gewesen. Doch der Westen habe die Ungarn mit ihrer Hoffnung auf einen "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" im Stich gelassen, als die russischen Panzer nach Budapest kamen. Seither lebe man in Europa in einer gefälschten Geschichtsschreibung und sei zu einem utopielosen Pragmatismus verurteilt.

Das Buch endet mit dem Ungarnaufstand von 1956. Es ist gegen die Fälschung der osteuropäischen Geschichte geschrieben. Dennoch versteht Péter Nádas es nicht als Aufarbeitung eines belastenden Erbes, auch nicht als Rückkehr zu den Eltern und deren vergessenen Menschheitsutopien. Es geht nicht darum, an eine abgebrochene soziale und seelische Kontinuität zwischen den Generationen anzuknüpfen. Es geht auch nicht um Selbstanalyse – die, sagt Nádas, habe er in größter Einsamkeit schon vor annähernd fünfzig Jahren in der Zeit einer tiefen Lebenskrise hinter sich gebracht.

Nein, die freundlichen, therapeutischen Erzählstrategien der westeuropäischen Literatur, die so gerne Erlösung oder Wiederaneignung (der verlorenen Zeit, der verleugneten Herkunft, des entnervten Selbst) in Aussicht stellen, verlocken Péter Nádas, diesen aufmerksamen Leser der großen russischen Romanautoren, nicht im Geringsten. Wenn Nádas sich für die historischen Tiefenschichten seines verwundeten Ich interessiert, für die ererbten Gefühle und Verletzungen, die von der Forschung "transgenerationale Traumatisierung" genannt werden, dann niemals im Sinn einer Versöhnung mit der Vergangenheit, sondern ausschließlich im Dienst einer Klarstellung. Man muss seinen Niederlagen offen in die Augen sehen.

Alle europäischen Nachkriegsgenerationen – Péter Nádas schreibt das mit der unnachahmlich höflichen Gnadenlosigkeit, die ihn auszeichnet – sind "schwer Kriegsversehrte oder Nachkommen von schwer Kriegsversehrten", und zwar ganz gleich, ob sie "davon Kenntnis nehmen oder nichts davon wissen wollen", weil sie "Idioten sind und auch Idioten zu bleiben wünschen". Am Sonntagnachmittag, an dem wir im Salon sieben der Frankfurter Hotelschmuckschatulle über seine vielen toten kommunistischen Verwandten reden, fügt er hinzu: "Wir müssen diese Verstümmelungen einkalkulieren."