DIE ZEIT: Hunderttausende schauen Ihnen auf YouTube beim Gemüseanbau zu. Sind Sie mehr Gärtner oder mehr Internetstar?

Ralf Roesberger: Das mit den Videos hat schon stark zugenommen in letzter Zeit. Eigentlich zeige ich nur, was normale Menschen erreichen können. Viele glauben ja schon, mit ein paar Radieschen oder Kartoffeln im Garten seien sie Selbstversorger – aber das ist nur gärtnern. Ich versuche, auf meinem Grundstück so viele Kalorien zu produzieren, dass ich mit meiner Familie theoretisch davon leben könnte.

ZEIT: Und wie weit kommen Sie?

Roesberger: Wenn ich das für zwei Erwachsene schaffte, wäre ich schon sehr zufrieden. Ansonsten wächst bei mir so ziemlich alles, was auf dem Boden hierzulande groß werden kann. Ich habe schon fast alle Kulturpflanzen einmal angebaut. Hirse zum Beispiel. Aber auch Getreide und Mohn.

ZEIT: Wo liegen Ihre Grenzen?

Roesberger: Gewisse Dinge lassen sich im kleinen Stil einfach nicht anbauen, das habe ich gelernt. Ich habe es vergeblich mit Getreide versucht, und Rapsöl für den Salat lässt sich auch nicht herstellen. Dazu fehlen mir die Maschinen, und das lässt sich wirtschaftlich nur im großen Stil betreiben. Ich kann auch keine Kuh halten. Allerdings besitze ich einige Hühner, das klappt ganz gut. Und auch Bienen, die viel mehr Honig produzieren, als ich verbrauchen kann. In einer anderen Welt würde ich mit einem Glas Honig zum Bauern gehen und es gegen zehn Liter Milch eintauschen.

ZEIT: So spricht jemand, der nicht in der Großstadt lebt.

Roesberger: Ich wohne auf dem Land. In einem kleinen Dorf zwischen Köln und Düsseldorf. Von meinem Grundstück sind 2000 Quadratmeter nutzbar, die Hälfte davon sind Obstbäume. Ich versuche, so viel umzusetzen wie möglich.

ZEIT: Wann haben Sie angefangen mit Ihrem Selbstversorgungs-Experiment?

Roesberger: Wir sind 2010 in diese Gegend gezogen. Damals war das alles hier nur eine Pferdewiese, und ich habe angefangen, meinen Garten anzulegen. Irgendwann habe ich mir das Ziel gesetzt, über das Gärtnern hinaus Selbstversorgung in Sachen Lebensmittel anzustreben.

ZEIT: Und warum haben Sie gerade dieses Ziel für sich ausgewählt?

Roesberger: Ich bin schon sehr ökologisch angehaucht. Mir tut jeder Kilometer weh, den ich mit dem Auto fahre. Außerdem freut mich, wenn ich Leute zu etwas inspirieren kann. Hunderte haben mir schon erzählt, dass sie ihre Vorgärten umgraben und Gemüse anbauen. Manche schaffen sich selbst Kaninchen oder Hühner an.

ZEIT: Sie klingen sehr pragmatisch bei dem, was Sie tun. Offenbar streben Sie nicht nach Autarkie oder fordern eine Ökodiktatur.

Roesberger: Ach, wissen Sie, im Internet wird viel verbreitet. Ich befasse mich seit Jahren sehr intensiv mit der Materie. Viele Menschen leben in einer Traumwelt. Die haben 50 Quadratmeter Garten und wollen damit Selbstversorgung betreiben. Wenn es mal hart auf hart kommt, stoßen die schnell an ihre Grenzen. Selbstversorgung ist alles andere, als ein paar Tomaten oder Kartoffeln im Garten hinterm Haus zu pflanzen. Das ist richtig harte Arbeit.

ZEIT: Trotzdem gibt es die Fundamentalisten mit ihren festen Weltbildern.

Roesberger: Sollen die ruhig auf ihrer Wiese sitzen und Löwenzahnblättchen nagen. Ich bin kein Fundamentalist oder Aussteiger. Ich versuche nur, Selbstversorgung so weit wie möglich mit einem normalen Leben mit meiner Frau und zwei Kindern zu verbinden. Meine Kinder sollen sehen, wo Nahrungsmittel herkommen, aber sie sollen auch nicht fern der Realität leben. Aber was ist mit Ihnen? Haben Sie einen Garten?

ZEIT: Ja, etwa 300 Quadratmeter. Jedoch mit großen Bäumen, also recht schattig. Außer Pilzen und Moos wächst da nicht viel.

Roesberger: Das ist schlecht. Aber von der Fläche her reicht das. Mehr als das, was dort wächst, könnten Sie bei der richtigen Sortenwahl in einem Jahr gar nicht essen.