Die neue Moschee, die Imam Hafiz Ahmad heute mit einem ersten Freitagsgebet einweihen will, sieht aus wie ein übergroßer Vogelkäfig. Ein Geflecht aus Bambusstangen, das Dach mit Zeltplanen zugedeckt. Dort, wo er herkomme, erzählt Hafiz Ahmad, sei sein Gotteshaus stabiler gewesen: ein Wellblechschuppen mit Betonboden. Aber der Imam und seine Gemeinde haben ihre Heimat verloren. Hafiz Ahmad ist einer der mehr als 500.000 Rohingya, Angehörige einer muslimischen Volksgruppe, die in den vergangenen Wochen aus dem mehrheitlich buddhistischen Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen sind, aus Angst vor dem Militär und der Polizei des eigenen Landes.

Die Lager, in denen die Rohingya-Flüchtlinge untergebracht werden, sind humanitäre Großbaustellen. Hügel werden abgeholzt und terrassiert, um Platz für Unterkünfte zu schaffen. Knallrote Fertiglatrinen leuchten wie sanitäre Signallampen durchs Gelände. Die Armee ist im Einsatz, Hilfsorganisationen von Ärzte ohne Grenzen bis zum Entwicklungsfonds des Golf-Emirats Katar sowie Freiwillige aus Dörfern und Koranschulen in ganz Bangladesch. Es ist, trotz der Sorge wegen des kommenden Winters und drohender Seuchengefahren, kein hoffnungsloser Anblick: Die Menschheit strengt sich an und bringt etwas zustande. Hier eine Erste-Hilfe-Station, vor der die Patienten geduldig Schlange stehen. Dort eine Moschee, durch die der Wind streicht.

Doch ist dies keine rein humanitäre Krise. Es geht auch um die Gefahr von Radikalisierung und Gewalt. Es gibt eine militante Rohingya-Untergrundbewegung in Myanmar; die jüngste Verfolgungswelle des Militärs wurde durch eine Serie von Anschlägen dieser Rebellen provoziert. Werden die Guerillakämpfer nach der jüngsten brutalen Repression mehr Zulauf erhalten? Werden die Flüchtlingscamps der Rohingya in Bangladesch zu Laboren des Terrorismus, so wie es jahrzehntelang die Lager der Palästinenser waren? Werden die Taliban oder der "Islamische Staat" junge Rohingya-Männer rekrutieren, ihnen Mitkämpfer oder Waffen schicken? Im Schicksal der Rohingya liegt politischer Sprengstoff, dessen Bedrohlichkeit man noch nicht abschätzen kann.

Kann Imam Hafiz Ahmad die Militanten und ihre Angriffe auf Sicherheitskräfte in Myanmar verstehen? "Natürlich", sagt er, während er vor seiner Moschee im Schatten kauert. Hafiz Ahmad ist ein Mann in seinen Siebzigern, aber er würde, erklärt er, sogar selbst in den Kampf ziehen, wenn er an Waffen kommen könnte. "Ganz egal, wie alt ich bin", meint er, "noch in diesem Augenblick würde ich mich aufmachen."

34 Mitglieder seiner erweiterten Familie sind nach Hafiz Ahmads Worten in den vergangenen Wochen getötet worden. Die Rohingya werden in Myanmar seit Jahrzehnten schwer diskriminiert. Für Hafiz Ahmad aber ist es nicht einfach Staatsterror, was seine Volksgruppe erlebt, es ist eine religiöse Verfolgung, ein Feldzug des buddhistisch dominierten Myanmar gegen die Muslime. "Wir durften", sagt der Imam, "nicht den Azaan geben" – den traditionellen Ruf, mit dem die Gläubigen zum Gebet versammelt werden. Der 30-jährige Muhammad Ismail tritt dazu und berichtet, dass in den Rohingya-Gebieten Koranschulen geschlossen worden seien und dass Polizei und Militär sich bei Schikanen und Festnahmen auf die Frommen konzentrieren würden: "Wer einen Bart hatte oder ein Käppchen trug, wurde herausgegriffen."

Es ist diese religiöse Dimension, die den Konflikt eskalieren lassen könnte – und die ihn attraktiv macht für Ideologen des Glaubenskriegs, die rund um die Welt einen Todeskampf zwischen dem Islam und seinen Feinden toben sehen. Die militante Gruppe, die Ende August für die Anschläge auf die Polizeistationen verantwortlich war, die "Arakan Rohingya Salvation Army" (ARSA), hat offenbar das Potenzial erkannt, das in der Islamisierung der Auseinandersetzung steckt. Sie hat sich von Geistlichen aus verschiedenen Ländern Fatwas, religiöse Rechtsgutachten, ausstellen lassen, die ihre Guerilla-Aktionen legitimieren. Der Kampf gegen die Staatsorgane von Myanmar soll ein heiliger Krieg sein. Die Gruppe selbst wurde von emigrierten Rohingya in Saudi-Arabien gegründet, die Mitglieder sollen gute Verbindungen nach Pakistan und Bangladesch unterhalten, einige ihrer Kämpfer haben womöglich in Afghanistan und Pakistan Kriegserfahrung gesammelt. Aus dem Blickwinkel von Sicherheitsexperten deutet ein derart panislamischer Zuschnitt beunruhigend auf eine internationale Terrororganisation hin. Die ARSA selbst allerdings behauptet, dass es ihr allein um die Verteidigung der Rohingya gehe.

Dass es unter den Rohingya-Flüchtlingen Sympathien für den bewaffneten Kampf gibt, heißt noch nicht, dass sie tatsächlich selbst in den Untergrund abtauchen wollen. Ali Zohar, ein jüngerer Nachbar des Imams, meint, dass die ARSA-Leute sich in den Lagern mit Kontaktversuchen zurückhalten würden, um nicht ins Visier der Sicherheitskräfte von Bangladesch zu geraten. Aber Hinweise auf Verbindungen zu den Guerillakriegern findet man.