Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Der Gast schwenkt seinen Cocktail und versucht, weltmännisch zu klingen: "Bringst du mir dazu ein paar Heuschrecken?" Die stehen auf der Speisekarte als Snack zum Aperitif. Da stehen überhaupt interessante Sachen. Beim Margarita etwa: "Lieblingsdrink der südkalifornischen Pornoindustrie". Man sieht: Reisen bildet.

Das Salt & Silver ist ein neues Restaurant und hat doch eine lange Ruhmesgeschichte. Sie beginnt mit den Hobbyköchen Jo und Cozy, die 2014 ein Jahr lang durch Lateinamerika zogen. Es folgten: ein Reise-Surf-Kochbuch, ein Dokumentarfilm, noch eine Reise, noch ein Kochbuch, ein Cateringdienst und nun die sogenannte Zentrale ihres Projekts, Salt & Silver.

Der Ort ist schon mal gut gewählt: in der Hafenstraße, gleich neben dem Schauermann. Eine Karte an der Wand verzeichnet die Reiseroute der Besitzer. Gekocht wird mexikanisch-peruanisch, wenn man es nüchtern beschreiben will. Aber so etwas will hier niemand, und "abenteuerlich" trifft es besser.

Die Heuschrecken sind dann gar nicht so schlimm. Dem Format nach eher Silberfische, kein Vergleich mit den Ungetümen, die man in Thailand bekommt. Geröstet in Chili-Öl, stellen sie auch geschmacklich kein Problem dar. Immerhin hat man jetzt etwas, das man daheim erzählen kann.

Nach diesem Prinzip funktioniert das gesamte Restaurant. Cozy und Jo samt Mitarbeitern wirken, als wären sie gerade erst von weit her heimgekehrt und erzählten jetzt ihren Kumpels, was sie so alles erlebt haben.

Man wird hier mit "Mein Lieber" angesprochen, die Jungs umarmen ihre Stammgäste und setzen sich auch mal dazu. Auf ihren Armen prangen Tattoos, wie man sie in den hiesigen JVAs nicht zu sehen bekommt. Ein bisschen Inszenierung gehört dazu.

Die Karte verheißt große und süße Abenteuer, am verlockendsten klingen aber die kleinen, vulgo: die Vorspeisen. Jo (oder Cozy?) empfiehlt heute ein Upgrade auf die Ceviche – statt Schellfisch gewürfelten Adlerfisch, stilecht aus dem Pazifik: "Für mich das Geilste."

Dem ist zuzustimmen. Die wirklich sehr gute Ware wurde nur kurz mariniert. Süßkartoffel und Avocado puffern die ohnehin moderate Schärfe der Tigermilch. Aber was ist das – etwa Ingwer? Und der Koriander als Öl? Der Gast gibt noch einmal den Weltmann: "In Peru schmeckt das aber anders, gell?" Cozy (oder Jo?) nimmt es souverän: "Ja klar, das hat überhaupt nix mit echter Ceviche zu tun. Schon die Limetten schmecken da völlig anders als bei uns."

Das Prinzip setzt sich bei den warmen Speisen fort. Der Tostada del mar merkt man an, dass die passende Chili verwendet wurde, eine geräucherte Jalapeño. Die Orangenmayonnaise dazu bewegt die Seafood-Tortilla aber ein wenig in Richtung Krabbencocktail. Auch der hervorragende Attaco mit Rinderzunge und -bäckchen hüllt den grasigen Geschmack der Tomatillosauce so weit in Cremigkeit, dass es sich für den deutschen Gaumen rund anfühlt.

Vor drei Jahren wären solche Speisen in Hamburg das gewesen, was die beiden Abenteurer auf ihrer Tour erlebten: "Geschmacksexplosionen". Heute knallt es auch anderswo und zum Teil ein wenig lauter, was dem Salt & Silver aber seinen Charme nicht nimmt. Es macht Spaß, wenn Jo oder Cozy (oder ist das ein Kellner?) beim Annehmen des Trinkgelds an sein Herz fasst wie ein Telenovela-Star.

Die nächste Reise ist schon geplant. Nach der Rückkehr soll auch die Küche wechseln, ehe die Latino-Welle sich totläuft. Das dürfte wirklich spannend werden. Es geht nach Afrika.