"Er nervt sie. Er nagt an Ihnen. Er bringt Ihren Alltag durcheinander": So beschrieb Thomas Kerstan vergangene Woche im Artikel "Totalausfall" die Gefühlswelt von Eltern, wenn sie an ausgefallene Stunden und Vertretungsunterricht dächten (ZEIT Nr. 41/17). Aufhänger war eine Umfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE unter Eltern, Lehrern und Schülern. Man kommt zu dem Ergebnis, dass rund zehn Prozent des Unterrichts ausfallen oder nicht regulär erteilt würden. Doch ist das richtig so? Ist das wirklich ein "Totalausfall" – oder machen es sich der Autor und die Macher der Studie nicht zu einfach?

Vorweg: Natürlich ärgert es Eltern, wenn ihre Kinder früher als erwartet aus der Schule kommen, weil Stunden ausfallen. Erst recht, wenn der Ausfall länger anhält. Dass Stunden ausfallen, sollte, wie auch Vertretungsunterricht, die Ausnahme sein.

Wir erleben Jahr für Jahr, dass Unterrichtsausfall zur gefühlt wichtigsten Kategorie für die Qualität eines Bildungssystems gemacht wird. In jeder Koalitionsvereinbarung steht die Reduzierung des Unterrichtsausfalls als eine der wichtigsten Forderungen ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda. Diese Instrumentalisierung eines kleinen Ausschnitts des schulischen Alltags verstellt aber den Blick auf die zahlreichen Facetten dieses Phänomens und seine Lösungsmöglichkeiten.

Die Länder sind in der Pflicht, durch eine genaue Schuljahresplanung den geplanten Unterricht abzusichern, das ist die Unterrichtsversorgung. Dann gibt es Fälle absehbaren oder scheinbaren Unterrichtsausfalls, wie Prüfungen, Projektphasen oder Klassenfahrten, der schulorganisatorisch aufgefangen wird. Der nicht planbare Unterrichtsausfall durch Krankheit und unvorhersehbare Ereignisse wird durch die Schulen und die Bildungsverwaltungen meist in Form von Vertretung kompensiert. Am Ende bleibt ein Rest von circa zwei Prozent der zu erteilenden Unterrichtsstunden, der tatsächlich ausfällt.

Die ZEIT bestreitet diese Zahlen aus den Ländern, belegt aber nicht, warum sie nicht stimmen. Zwar hat man eigene Zahlen erhoben, aber vermischt dann in der Auswertung Kategorien. Ausfall ist eben nicht gleich Ausfall. Anstelle des regulären Unterrichts Hausaufgaben zu erledigen oder mit einem Vertretungslehrer zu arbeiten – das ist doch kein "Totalausfall"!

Eine ausschließlich statistische Betrachtung ohne Blick auf die inhaltlichen Details führt zu der angesprochenen politischen Instrumentalisierung. Der Druck auf die einzelne Schule wächst, die Statistik wird zu einem Kontrollinstrument, das innovative und schulbezogene Lösungen verhindert.

Es gibt viele gute Beispiele, bei denen es Schulleiterinnen und Schulleiter schaffen, mit ihren Kollegien auch in Krankheitsfällen klug zu unterrichten. Über diese sollten wir reden. Es ist ja kein neues Phänomen, dass Lehrerinnen und Lehrer krank werden. Viele Schulen zeigen, wie vorausschauend unter den jeweiligen Fachkollegen Modelle für die curriculumsorientierte, fachgerechte Vertretung entwickelt werden können. Die Waldparkschule in Heidelberg, Gemeinschaftsschule und Preisträgerin des Deutschen Schulpreises, hat ein solches Modell entwickelt und durch sogenanntes Teamteaching in einer Jahrgangsstufe derartige Voraussetzungen geschaffen. An der Klosterschule, einem Gymnasium in Hamburg, arbeiten die Fachlehrer sehr eng zusammen und tauschen ihre Unterrichtsvorbereitungen aus, sodass qualitativer Vertretungsunterricht gewährleistet werden kann. Neue Lern- und Lehrmöglichkeiten in der digitalen Welt liefern Möglichkeiten, derartige Situationen im Einklang mit dem Schuljahresplan des jeweiligen Faches zu überbrücken. Insbesondere der letztgenannte Punkt wird in der nahen Zukunft Schule grundlegend verändern und damit auch unsere Sichtweise auf das Phänomen Unterrichtsausfall.

Woran die Schulen gleichwohl noch arbeiten sollten, ist eine neue Transparenzkultur. Eine mit Eltern abgestimmte Schuljahresplanung und rechtzeitig bereitgestellte Informationen könnten den diffusen Ärger über vermeintlichen Unterrichtsausfall deutlich reduzieren.