Nun hielt auch noch die Geopolitik Einzug in den österreichischen Nationalsratswahlkampf. Dabei erwischte es Efgani Dönmez, den Überraschungskandidaten von Sebastian Kurz. Zu Wochenbeginn wurden Medien Unterlagen zugespielt, die nahelegen sollen, die Internetplattform (Stop Extremism) des kämpferischen Islamkritikers werde insgeheim von Saudi-Arabien finanziert, damit über diesen Umweg Stimmung gegen die saudischen Erzfeinde Türkei und das Golfemirat Katar gemacht werde. Der schwarze Neuzugang stehe also in Wahrheit im Sold wahhabistischer Fundamentalisten – was einem Aktivisten, der nicht müde wird, den politischen Islam anzuprangern, nicht sonderlich gut zu Gesicht steht. Und auch nicht der Partei, für die er antritt, und deren Spitzenkandidaten, der pausenlos fordert, Moscheen, die Geld aus dem Ausland bezögen, müssten geschlossen werden.

Empört witterte der anscheinend bloßgestellte Kandidat ein politisches Manöver, das ganz in das Muster der Flut von gesteuerten Enthüllungen passt, die seit einigen Wochen in eine veritable Schlammschlacht ausgeartet sind (ZEIT Nr. 41/17). Dönmez war nämlich ebenso ein Klient des Schmutzkübel-Experten Peter Puller, jenes Adlatus des israelischen Politikberaters Tal Silberstein, dessen Umtriebe dem Land ein turbulentes Wahlkampffinale bescherten. Aus Pullers trübem Datenschatz, vermutet Dönmez, stammten wohl die denunzierenden Unterlagen.

Diese Randepisode eines Reigens gegenseitiger Unterstellungen dürfte vermutlich bald in Vergessenheit geraten, weit über den Wahltag hinaus in Erinnerung bleiben wird allerdings eine Auseinandersetzung, die mit einer herkömmlichen politischen Kampagne nicht mehr viel zu tun hat. Vielmehr begegnen die Spitzenkandidaten einander bei ihren TV-Auftritten in verbalen Freistilringkämpfen, schleudern Unterstellungen durch die Studios und versuchen gar nicht mehr, ihre gegenseitige Verachtung zu kaschieren. Es ist der letzte Akt einer rettungslos zerrütteten politischen Partnerschaft.

Vor allem Bundeskanzler Christian Kern hat seinen Stil fundamental geändert und sucht sein Heil in einer neuen, betont aggressiven Debattenführung. Er möchte in den Fernsehdiskussionen mit seinen Lösungsvorschlägen für politische Probleme punkten, muss sich stattdessen aber die längste Zeit für die fragwürdigen Aktivitäten seines früheren Beraters rechtfertigen, über den er die Kontrolle verloren hatte. Die lässige Gelassenheit, mit der Kern früher Eindruck machte, ist einer gereizten Anspannung gewichen, und seine Kontrahenten verpassen kaum je eine Gelegenheit, das leidige Thema – unter willkommener Beihilfe der Moderatoren – so breit wie möglich zu treten.

Seitdem vor zwei Wochen die Affäre um die beiden Phantomseiten auf Facebook, mithilfe derer sein Berater Silberstein Herausforderer Kurz attackieren ließ, dank eines riesigen Datenlecks bekannt geworden war, steht der rote Spitzenkandidat mit dem Rücken zur Wand. Hatten schon die Verhaftung und der Rauswurf des israelischen Strippenziehers Unruhe in das sozialdemokratische Wahlkampfteam gebracht, stürzte das Bekanntwerden der schmutzigen Tricks die Kern-Truppe gänzlich ins Chaos.

Der letzte Pinselstrich dieses Sittenbildes ist ein plumper Einschüchterungsversuch

Der Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler musste seinen Hut nehmen, dessen Nachfolger Christoph Matznetter gelobte Transparenz und hatte anschließend Mühe, das Versprechen wenigstens teilweise einzulösen. Als Teil der Entlastungsoffensive behauptete schließlich Silbersteins Wiener Statthalter Peter Puller wenige Tage später, er habe von Gerald Fleischmann, dem Pressesprecher von Sebastian Kurz, mit dem ihn eine gemeinsame Vergangenheit in der Zentrale der Volkspartei verbindet, das Angebot bekommen, gegen eine Ablösesumme von 100.000 Euro die Seiten zu wechseln. Das Dementi aus dem Kurz-Lager mit einer alternativen Schilderung des Zusammentreffens folgte postwendend, beide Seiten kündigten gegenseitige Klagen an. Die Integrität des politischen Söldners dürfte allerdings nicht groß genug sein, um dem unsittlichen Angebot allseits Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

Den vorläufig letzten Pinselstrich in diesem innenpolitischen Sittenbild malte dann ein weiterer Kanzler-Berater, von dem Kern in internen Mails behauptet hatte, er wisse dessen Intelligenz sehr zu schätzen. Intimus Rudi Fußi macht die ehemalige Übersetzerin von Tal Silberstein dafür verantwortlich, dass immer wieder Teile der parteiinternen Kommunikation in die Öffentlichkeit träufeln, und versuchte die Frau mit dramatischen Mobiltelefonnachrichten einzuschüchtern: "Du kommst da auch nimma raus ... Glaub mir, so ein Leben willst nicht führen." Wenig verwunderlich, dass auch dieser Versuch, sich aus dem Schlamassel zu befreien, alsbald in den Medien landete.