Es ist die Atmosphäre, die es nur am frühen Morgen gibt, wenn die Nacht noch mit ihrer ganzen Schwärze über dem Land liegt. Eine Mischung aus Dunkelheit, Einsamkeit und Anspannung, das Wissen darum, dass alles möglich ist – und alle dabei zuhören. Radiomoderatoren werden rasch süchtig danach. Auch Patrick Meister, 46, IT-Manager aus Zürich. Er steht an diesem Montagmorgen kurz nach sechs im Radiostudio hinter dem Bucheggplatz und ist schon "recht geflasht".

Meister ist einer von 50 Publikumsmitarbeitern, die in dieser Woche das Programm von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) machen.

Das Unternehmen will sich mehr mit seinen Zuhörerinnen und Zuschauern austauschen. Seit zwei Jahren gibt es deshalb das Projekt "Hallo SRF".

Auslöser war die Abstimmung über das neue Radio- und Fernsehgesetz im Sommer 2015, es wurde nur knapp angenommen. Damals, sagt SRF-Kommunikationschefin Andrea Hemmi, habe sie häufig das Wort "Moloch" gelesen, dass ihr "Staatssender" einfach "lahm" sei, "verschlossen", in einem "Elfenbeinturm". Ihr Eindruck vom Betrieb sei aber ein ganz anderer gewesen. "Ich dachte: Wir müssen den Leuten jetzt zeigen, wie es wirklich ist, wie wir hier arbeiten."

Deshalb sendete das Fernsehen bald einen Trailer und forderte die Leute auf, Kritik anzubringen und Fragen zu stellen. Es meldeten sich 7000 Zuschauer. 180 von ihnen hat die Redaktion in eine Sendung eingeladen, in der Ruedi Matter, Fernseh- und Radiodirektor, ihre Fragen beantwortete. 400.000 Leute schauten zu, es war eine der erfolgreichsten neu lancierten Sendungen, nur der Dok-Zweiteiler Tatort Matterhorn hatte noch bessere Quoten.

Hemmi sagt: "Wir waren überwältigt, damit hat hier wirklich niemand gerechnet." Nach dieser Sendung habe sie "eine Welle positiver Reaktionen" aus dem Unternehmen erreicht. Das Radio befragte ebenfalls live seine Hörer, Moderatoren und Redaktoren fuhren in verschiedene Regionen der Schweiz, um mit Zuschauern zu reden, Ruedi Matter stand ein Jahr später noch einmal Red und Antwort. Und nun arbeitet das Publikum sogar selbst in den SRF-Redaktionen mit.

Aber wer will das überhaupt?

Es sind erstaunlich viele. Das Auswahlverfahren für die Laien-Mitarbeiter war ausgesprochen aufwendig. Es gab eine Ausschreibung, 1200 Bewerbungen und mehrere Hundert Gespräche, bevor sich die Redaktionen entschieden. Patrick Meister, der Mann im Radiostudio, sagt, er habe sich "meeeega gefreut", als er per Mail erfahren habe, dass er ausgewählt wurde. Meister wurde mit dem Radio sozialisiert, als Kind hieß es, wenn das Rendezvous am Mittag lief: Schweigen und essen. Bis heute hört er jeden Abend das Echo der Zeit . Das Schweizer Radio, sagt er, sei ein "Urfossil", ein Fixpunkt in seinem Alltag.

Heute wird Meister für ein paar Stunden vom Fan zum Macher, zusammen mit Moderator Sven Epiney. Die beiden stehen am Mischpult, darauf liegen Zeitungen, einige Notizblätter, daneben stehen zwei Tassen mit der Aufschrift "Life is good". Eine Mitarbeiterin hat eine Handykamera auf einem Stativ mitten im Studio platziert. Wer will, kann sich von zu Hause aus via Facebook-Livestream zuschalten. Radio ist heute auch ein Bildmedium.