Auf der Holzbank vor dem Eingang einer Londoner Fotoagentur sitzen an einem brüllend heißen Tag Journalisten und warten auf ein Treffen mit der Amerikanerin Annie Clark, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen St. Vincent. Die 34-jährige Texanerin gilt als eine der aufregendsten und unkonventionellsten jungen Musikerinnen dieser Tage. Elegant kombiniert sie raffinierten Art-Rock und Pop – jetzt erscheint ihr neues Album "Masseduction". Irgendwann taucht eine streng dreinblickende Dame im schwarzen Plastikmantel vor der Bank auf. Sie bedeutet wortlos, ihr die Straße hinunter zu folgen, bis zu einer Holzwand. Dort steigt man durch eine kleine Öffnung und betritt eine dunkle Lagerhalle, in der ein großer Holzkasten aufgebaut ist, in den man sich hineinzwängen soll. In dem pink angemalten Kasten stehen ein kleiner Tisch und zwei Stühle – wie ein überdimensioniertes Puppenhaus in einem Film von David Lynch. Auf einem der beiden Stühle sitzt die Künstlerin und lächelt amüsiert. Im Hintergrund surrt Electro-Musik in Dauerschleife, die während des Gesprächs eher lauter als leiser wird.

DIE ZEIT: Die Musik Ihres neuen Albums gab es vorab nicht zu hören. Ist die Show mit dem rosa Holzkasten, in dem wir beide hier sitzen, der Ersatz dafür?

St. Vincent: Ganz genau, Sie haben eben die Welt meines Albums betreten. Mit dem, was ich hier inszeniere, sorge ich dafür, dass Sie ein Gefühl für meine Arbeit bekommen und nichts Überflüssiges Sie ablenkt. Normalerweise würden wir zwei doch in einem tristen Hotelzimmer beisammensitzen, wir würden Höflichkeiten austauschen, aber an diese Begegnung werden Sie sich länger erinnern. Ist es so nicht lustiger für uns beide?

ZEIT: Aber warum sitzen wir in einem pink strahlenden Holzkasten?

St. Vincent: Farben und Licht sind unglaublich wichtig für mich. Das Pink hier strahlt übrigens nicht, es fluoresziert – und macht einen auf Dauer nervös. Das entspricht meiner Platte, deren Stimmung man manisch nennen könnte oder besser noch: manisch-panisch. Das Fluoreszierende ist grundsätzlich spannend; wenn man nur kurz draufschaut, wirkt es fröhlich und aufgekratzt. Aber je länger du hinschaust, desto aggressiver wird es – was gut zu meinen neuen Songs passt.

ZEIT: Warum sind Ihre Songs so aggressiv?

St. Vincent: Weil ich mich aggressiv gefühlt habe, als ich sie schrieb. Aber ziehen Sie daraus trotzdem keine Rückschlüsse über mich, denn ich halte nichts davon, mein Privatleben in Songtexten auszubreiten. Meine Texte sind eher wie Rorschachtests: Was die Hörer daraus für Schlüsse ziehen, sagt mehr über sie als über mich.

ZEIT: Sitzt hier eigentlich St. Vincent oder Annie Clark, wie Sie bürgerlich heißen?

St. Vincent: Darüber denke ich nicht groß nach, aber jede Performance in meinem Leben mache ich als St. Vincent, also sitzt hier wohl St. Vincent. Ich bin kein Psycho, aber natürlich ist es auch eine Performance, Gesprächspartner wie Sie in einen pinken Holzkasten zu lotsen. Wenn ich hier mit Ihnen spreche, ist das eine Performance, die aber nicht die Authentizität meiner Musik beschädigt. Im Übrigen ist in diesem Zeitalter doch fast jede Identität zur Performance geworden.

ZEIT: Ist es für populäre Künstler im digitalen Zeitalter schwieriger, Geheimnisse zu bewahren?

St. Vincent: Definitiv ist es das, aber ich glaube, ein Großteil des Publikums weiß die Magie des Geheimnisvollen überhaupt nicht zu schätzen. Ich dagegen liebe Geheimnisse über alles. Ich glaube, dass die ideale Beziehung zu einem bewunderten Musiker von Geheimnissen geprägt ist.

ZEIT: Durch Ihre achtzehn Monate währende Beziehung mit dem Supermodel Cara Delevingne rauschten Sie überraschend in den Fokus der Boulevardpresse. Wie viele Geheimnisse haben Sie sich da noch bewahrt?

St. Vincent: Ich habe mir alle Geheimnisse bewahrt. So öffentlich ich auch gewesen sein mag, es kennen mich nur enge Freunde und meine Familie wirklich. Geschichten über mich entsprechen immer nur in Teilen der Wahrheit, die entscheidenden Details fehlen immer – zum Glück! Die Leichen, die ich im Keller habe, werden garantiert nie öffentlich werden. Musik und Musiker sollten auch mysteriös bleiben: Songs sind ein Geheimnis, das Hörer und Künstler teilen, aus ihrem Mund in dein Ohr. Völlig intim. So, als ob kein anderer Mensch davon weiß. So war zumindest immer mein Verhältnis zur Musik.

ZEIT: Sie gelten als Ausnahmetalent an der Gitarre und haben sogar ein eigenes Modell entwickelt, das von prominenten Rockern wie Dave Grohl oder Josh Homme genutzt wird. Was ist besonders an Ihrem Entwurf?

St. Vincent: Ja, meine Gitarre ist toll geworden. Meine Erfahrungen aus zwanzig Jahren Gitarrespielen sind da eingeflossen. Ich bin eher klein, daher ist mein Modell leicht geworden. Ich nenne sie eine "genderinklusive" Gitarre. Damit meine ich aber nicht, dass Frauen besondere Gitarren benötigen würden, das wäre bizarr. Aber ich zum Beispiel trage meine Gitarre eher hoch am Körper, und ich habe nun mal zwei Brüste, und die linke ist oft von Gitarren ramponiert worden. Dabei sind meine Brüste so klein, dass sie kaum der Rede wert sind, manche Männer haben größere Brüste. (lacht sehr) Meine Gitarre ist jedenfalls so konzipiert, dass man sich da weniger wehtut.