Es ist wahrscheinlich nicht möglich, sich allen tierischen Wesen liebend zuzuwenden; aber doch fast allen. Dafür spricht das Beispiel jener verqueren Zeitgenossen, die sich eine Vogelspinne als Haustier halten oder anderes potenziell gefährliches Gruselgetier aus der Welt des gehobenen Terrarienbedarfs. Selbstverständlich wird uns regelmäßig versichert, dass die Spinne – der Skorpion, das Frettchen – keineswegs bissig, sondern sehr anhänglich, ja dem Besitzer geradezu zärtlich zugetan sei. Man müsse das liebe Kerlchen nur geschickt am Genick oder keinesfalls dort packen, nicht in den Hausschuh oder nicht durchs Hosenbein laufen lassen.

Wie groß das Sympathiepotenzial ist, beweist die Stofftierindustrie, die tatsächlich schon Vogelspinnen, sogar Kraken zum Kuscheln auf den Markt gebracht hat. Was wir noch nicht gesehen haben: Tüpfelhyänen mit ihrem panzerbrechenden Gebiss, in Filz und Samt für den kindlichen Kosegebrauch nachgebildet. Das heißt aber natürlich nichts: Es sind ja auch schon die Haifische, die den Schwimmern Schreie des Entsetzens entlocken, zu Klassikern des Plüschzoos avanciert. Wie man den Mechanismus der Umdeutung des Gefährlichen verstehen soll, ist noch nicht restlos geklärt. Vielleicht hat es mit dem Zähmungsgenuss zu tun, den jeder Teenie kennt, der ein Pony reiten lernt, das ihm noch Tage zuvor in den Bauch gebissen hat. Die ganze Klein-Mädchen-Begeisterung fürs Reiten lässt sich so verstehen: Man übt am Pferd, was später mit den Männern misslingt.

In diesem Sinne lässt sich ein Hai natürlich nicht zähmen, aber man kann dessen Plüsch-Imago in die zärtliche Unterwerfung zwingen. Die stellvertretende Inbesitznahme tendenziell bedrohlicher oder gemeinhin widerstrebender Mitbewohner unserer Welt ist wahrscheinlich das Geheimnis ihrer Nachbildung in Stoff – Kuscheln mit dem Ungeheuer. Man nennt es auch Verniedlichung; sie ist ebenso unter Menschen verbreitet. Ihre rabiateste Form ist zweifellos die Sexpuppe – eine Frau, die man bei Bedarf aus dem Schrank nehmen, vor allem jedoch wieder in den Schrank zurücksperren kann. Auch die Stalin-Büste oder Papststatuette ist nur vordergründig Ausdruck von Verehrung, in Wahrheit bedeutet sie verkleinernde Aneignung, vielleicht dient sie sogar einem Fetischzauber des Unschädlichmachens.

Für Tiere freilich ist es sicher angenehmer, wenn sich die Menschen ihrer bemächtigen, indem sie Abbilder für Schlaf- und Kinderzimmer schaffen. Aber die Geste ist die gleiche, die in der Wirklichkeit Leben und Überleben der Tierwelt bedroht: besitzen, ohne zu respektieren, die Eigenlogik des Lebendigen brechen, verzwecken und benutzen. Dass dies unter dem zärtlichen Mantel (der Bettdecke) der Liebe geschieht, ändert an dem Prinzip nichts; Liebe war schon immer ein Mantel des schamlosen Egoismus. Die Frage ist, wo sie aufhört – vor welchem Lebewesen sie haltmacht oder wirksam zurückschreckt. Die unheimlichen Wespen, die Küchenschaben versklaven, indem sie diese mithilfe eines Nervengiftes zu willigen Wirtstieren ihrer Brut machen, sind jedenfalls noch nicht als Kuscheltiere nachgebildet worden. Generell scheinen Parasiten von unserer Zärtlichkeit nicht betroffen. Es gibt auch keinen Bandwurm aus Samt und keine entzückenden kleinen Plüschviren. Das sollte zu denken geben. Wesen, die uns gewissermaßen ihrerseits verniedlichen, die es sich in uns und an uns gutgehen lassen, werden offenbar als untauglich angesehen. Der Prozess der Verzweckung beruht nicht auf Gegenseitigkeit. Entweder ist man jemandes Plüschtier, oder man macht jemanden zum Plüschtier; tertium non datur.

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