18.000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Orientierungstests im Internet versprechen Hilfe bei der Fächerwahl. Funktioniert das? Ein Selbstversuch

Semesterbeginn

Der Tag, an dem ich herausfinde, was ich hätte werden sollen, ist ein Dienstag. Seit fünf Jahren arbeite ich als Journalistin. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Mit Alternativen habe ich mich damals gar nicht beschäftigt. Heute gibt es Orientierungstests im Internet, die versprechen, bei der Studienwahl zu helfen. Zählt man die Tests in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, sind es mehr als 500. Eine Übersicht findet man hier: www.osa-portal.de.

Mit einigen der Tests kann man seine Eignung für ein bestimmtes Fach prüfen, zum Beispiel auf den Seiten der Uni Freiburg, der FU Berlin, der Uni Bonn oder der HAW Hamburg. Tests zur Orientierung gibt es etwa von den Hochschulen der Bundesländer NRW und Sachsen-Anhalt. Auch die ZEIT bietet einen Orientierungstest an.

Ich möchte herausfinden, was sie bringen. Und beginne mit dem Test der RWTH Aachen. Ich soll angeben, wie gern ich etwas tue, unabhängig davon, wie gut ich es kann. Computernetzwerke einrichten? Maschinen anschließen und in Betrieb nehmen? Ich merke, dass ich "gern" und "gut" nicht auseinanderhalten kann. Ich tue gern, was ich gut kann. Als Nächstes kommen Worträtsel: Ein Huhn verhält sich zu einer Kuh wie ein Pinguin zu..? Dann Zahlenreihen. Die Beispielaufgabe lautet: "3 – 1 – 6 – 12 – 19 – 27 – 36 – ?" Es gibt Aufgaben, denen verweigert mein Kopf sich einfach. Zahlenreihen gehören dazu. 46 wäre die Lösung, auf die ich nicht gekommen bin. Der nächste Aufgabenblock: Grundrisse falten. Zum Schluss noch mal eine Selbsteinschätzung. Es werden zwei Tätigkeiten angegeben, und ich kann auswählen, welche ich lieber ausüben möchte. Ich zweifle, meine Antworten kommen mir etwas willkürlich vor.

Als ich endlich fertig bin, sind fast zwei Stunden vergangen. Ich erwarte eine Belohnung, es folgt aber nur eine sehr lange Seite mit Erläuterungen, bis mir gesagt wird, ich sei der "untersuchend-forschende" Typ. "Künstlerisch-sprachlich" folgt erst auf Platz drei. Wie kann das sein? Weil ich bei Deko-Aufgaben immer Nein geklickt habe? Bei jedem Studiengang steht, welche Fähigkeiten dort besonders wichtig sind. Pech für mich: "untersuchend-forschend" kommt in jedem Fach vor.

Als konkreter Studiengang wird mir Architektur empfohlen. Dabei waren von meinen Faltwürfeln nur drei von 15 richtig. Wäre ich wirklich Architektin, meine Häuser würden einstürzen. Heißt das, ich hätte Spaß an einem Beruf, der mir leider nicht liegt? Ich habe nicht den Eindruck, dass ich etwas über mich gelernt habe.

Also mache ich noch einen Versuch: Das Portal "Stud-i-finder" wird von den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen betrieben und hat mehrere Tests im Programm. Ich entscheide mich für "Was ich beruflich gern machen würde". Der Test ist schülernah: Würde ich, um Geld für die Klassenfahrt zu sammeln, lieber Waffelteig backen oder den Verkaufsstand dekorieren? Als Ergebnis kann ich mir ein PDF herunterladen, das mir mehrere Typen vorstellt und mir sagt, welcher ich bin: der kreative Typ. Mein Ergebnis lässt vermuten, dass ich mich "gerne künstlerisch oder sprachlich ausdrücke". Ertappt. Werbung, Medienproduktion oder Journalismus werden mir empfohlen, aber auch Design, Malerei oder Bildhauerei. Ich mache gleich noch einen Test: "Was mir beim Lernen Spaß macht". Fast bei jedem Punkt steht, wie gut ich darin bin und wie mir das im Studium nützen würde. Wo ich nicht den idealen Wert erreicht habe, werden mir Tipps gegeben, was ich besser machen sollte. Alles klingt unheimlich positiv. Bin ich wirklich der ideale Student – oder will hier nur jemand, dass ich studiere? Dann endlich kommen die Studienfelder, die zu mir passen. Ganz oben auf der Liste: Architektur. Hier weiß man nichts von meinen Würfel-Ergebnissen. Immerhin folgen Nanowissenschaften. Auch gut für mich: Physik. Oder Rettungsingenieurwesen. Oder Therapien. Was für ein vielseitiger Mensch ich bin. Aber wie soll ich mich jetzt entscheiden? Immerhin wird mir im weiteren Text mitgeteilt, dass ich mich auch persönlich beraten lassen solle, der Test diene nur als Anregung.

Fazit: Gebracht haben mir die Orientierungstests nichts. Die Selbsteinschätzung kann ja auch nur wiedergeben, was ich ohnehin schon von mir denke. Viele Testaufgaben fand ich gut. Die Schlüsse, die aus meinen Antworten gezogen wurden, haben mich aber vor allem verunsichert.

Gut, dass ich bei meiner Berufsentscheidung auf meinen Bauch gehört habe.