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Die Türkei, deren Beziehungen zum Westen am Zerreißen sind, unternahm letzte Woche radikale Schritte in Richtung ihrer Nachbarn im Norden, Osten und Süden. Zunächst empfing Erdoğan Putin in Ankara. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei im November 2015 war es zu einer neunmonatigen Krise zwischen Ankara und Moskau gekommen. Mit dem jetzigen Besuch wurde die Krise überwunden. Anschließend flog Erdoğan nach Teheran. In seiner Begleitung war auch der Generalstabschef. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren reiste ein türkischer Generalstabschef in den Iran.

Das erste Signal der Annäherung zwischen den Nachbarn stammte vom Astana-Gipfel im September. Russland, der Iran und die Türkei beschlossen dort ein gemeinsames Vorgehen in Idlib, einer Schlüsselregion für die Lösung der Syrien-Krise. Sie wollten für die Einrichtung einer kampffreien Zone garantieren. In den Erklärungen nach den beiden Besuchen standen dann zwei Themen im Vordergrund: Die Idlib-Operation in Syrien und das Kurden-Referendum im Irak. Die Interessen der drei Großmächte treffen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, in diesen Punkten zusammen.

Während Europa mit seinem Fokus auf dem Flüchtlingsthema in Syrien an Einfluss verliert, treten die regionalen Akteure in den Vordergrund. Die Lösungssuche verlagert sich von Genf nach Astana. Das ist auch eine Folge des Ablösungsprozesses von Europa, den die Türkei durchmacht. Ankara versucht, das Ansehen, das sie in Europa eingebüßt hat, als Militärmacht in der Region zurückzugewinnen. Zugleich hofft man, nach Kriegsende in Syrien mit am Verhandlungstisch zu sitzen. Zwei weitere Hoffnungen lassen Erdoğan willig in diesen Einsatz gehen: eine eventuelle Flüchtlingswelle Richtung Türkei noch auf syrischem Boden stoppen zu können und einen kurdischen Korridor mit Mittelmeerzugang zu verhindern.

Andererseits zwang das von Massud Barzani, dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, im Irak gepushte Unabhängigkeitsreferendum Teheran, Bagdad und Ankara, die "verfeindeten Brüder" der Region, zur Kooperation. In allen drei Hauptstädten fürchtet man, Barzanis Referendum könnte die kurdische Bevölkerung im eigenen Land zum Aufstand verleiten. Also reagiert man unwirsch. Dass allein Israel einen unabhängigen kurdischen Staat unterstützt, schweißt die drei islamischen Länder weiter zusammen.

Vor vier Jahren empfing Erdoğan Barzani auf höchster Ebene in der Türkei. Aufgrund dieser Nähe glaubte er, ihn vom Referendum abbringen zu können. Vergangene Woche gestand er ein: "Offenbar habe ich mich getäuscht." Die Appeasement-Politik gegenüber den Kurden vor vier Jahren ist in Ankara einem nationalistischen Diskurs mit Betonung des "Türkentums" gewichen. Damit versucht Erdoğan, die "turkistische" MHP auf seiner Seite zu halten und zugleich die Kurden in der Türkei, die von Barzani beeinflusst werden könnten, zu zügeln. Unmittelbar nach dem Referendum sagte er: "Wir sitzen am Hahn ihres Öls. Drehen wir den zu, ist die Sache erledigt", und gab das Signal für eine Operation jenseits der Grenze: "Eines Nachts können wir unvermutet da sein."

Fotos von Panzern, die nach diesem Statement in die Grenzregion verlegt wurden, von Generalstabschef und Geheimdienstchef, auf der Landkarte den Einsatz planend, sogar von Erdoğan als Wehrdienstleistendem wurden an die Presse verteilt.

Lassen wir Europa weiter über das Aussetzen der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei debattieren, Ankara hat bereits den verblassenden Traum von Europa durch einen neuen ersetzt: den Traum, in Nachbars Garten einzudringen und über seine Zukunft mitzuentscheiden. Ein gefährlicher Traum, der Erdoğan die Chance geben wird, den im Inneren schwindenden politischen Einfluss mit einer durch die Operation jenseits der Grenze ausgelösten Welle des Nationalismus zurückzugewinnen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe