Wie so oft bei politischen Problemen steht auch am Anfang der Beschäftigung mit den neuen Nationalismen in Europa die Beobachtung einer Paradoxie: Das in Reaktion auf zwei Weltkriege in Gang gesetzte Projekt zur Überwindung der antagonistischen Nationalismen in Europa hat inzwischen eine verwirrende Gemengelage alter und neuer Nationalismen hervorgebracht. Dabei hat nichts so sehr zum Wunsch nach einer Rückkehr in die Zeiten nationaler Währungskontrolle beigetragen wie die Einführung der Gemeinschaftswährung des Euro, und kaum etwas hat die separatistischen Nationalismen in einigen Regionen so stark ins Kraut schießen lassen wie der Wohlstand, der infolge der ökonomischen Integration Europas dort Einzug gehalten hat. Was als Überwindung des alten Nationalismus geplant war, hat reihenweise neue Nationalismen hervorgebracht. Waren die alten Nationalismen gegen die Nachbarn gerichtet, denen man die bestehenden Grenzen und die Position im europäischen Machtgefüge streitig machte, so wollen die separatistischen Nationalismen, von Schottland bis Katalonien, von Südtirol bis Transnistrien, heraus aus einem Staatsgebilde, dem sich ein Teil der Bevölkerung nicht zugehörig fühlt. Durch historisches Unrecht, zumeist verlorene Kriege, sei man Teil dieses Staates geworden. Dieses Unrecht müsse jetzt wiedergutgemacht werden.

Die separatistischen Nationalismen haben sich vor allem dort ausgebreitet, wo in den letzten Jahrzehnten ein Wohlstand gewachsen ist, den man nicht länger mit den ungeliebten Brüdern und Schwestern des bestehenden Staates teilen will. Die Erdölvorkommen Schottlands haben den schottischen Nationalismus befeuert, der relative Reichtum Kataloniens gegenüber dem restlichen Spanien hat die dortigen Separationsbestrebungen befördert, und der Umstand, dass Südtirol die reichste Provinz Italiens ist, verstärkt den Wunsch, über diesen Wohlstand ohne Mitsprache Roms entscheiden zu können. Ähnliche Bestrebungen zeigen sich auch im wohlhabenden Norden Italiens, wo die Lega Nord eine größere Unabhängigkeit vom Rest des Landes anstrebt. Als Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre zerfiel, nachdem Slowenien und Kroatien sich für unabhängig erklärt hatten, spielte auch hier der Wunsch eine Rolle, dass die reicheren nicht länger die armen Teile des Landes finanzieren mussten. Stattdessen suchte man Anschluss an die Europäische Gemeinschaft. Das ist das zweite Paradox des jüngeren Nationalismus in Europa: Ursprünglich war die Nationsidee eine große Solidaritätserklärung, die weit über Verwandtschaft und Landsmannschaft hinausging. Der separatistische Nationalismus ist hingegen ein Projekt der Entsolidarisierung.

Es ist die stillschweigende Erwartung vieler Schotten, Basken und Katalanen, dass sie aus dem ungeliebten Staat, dem sie angehören, austreten und doch weiterhin Mitglied der EU bleiben können. Ansonsten wäre es mit ihrem relativen Wohlstand schnell vorbei. Entgegen der Erklärung aus Brüssel, der aktuelle Katalonienkonflikt sei eine rein innerspanische Angelegenheit, sind die separatistischen Nationalismen sehr wohl ein Problem der EU: Sie nämlich hat die Angewiesenheit bestimmter Regionen auf die Wirtschaft des Nationalstaates geschwächt und so den Wunsch nach Unabhängigkeit verstärkt. Es gibt jedoch politisch gute Gründe, dass man in Brüssel so tut, als habe man mit alldem nichts zu tun.

Das ist auch eine Folge der bitteren Erfahrungen, die man beim Auseinanderfallen Jugoslawiens gemacht hat. Die frühe Anerkennung der Eigenstaatlichkeit Kroatiens durch die deutsche Regierung hat entgegen der damit verbundenen Erwartung den Konflikt nicht pazifiziert. Ob eine andere Politik damals zu weniger Gewalt und Grausamkeit geführt hätte, muss offen bleiben. Die finanziellen Folgen des jugoslawischen Zerfalls trägt die EU jedoch bis heute, vor allem was Bosnien-Herzegowina und das Kosovo betrifft, und es ist nicht abzusehen, dass man sie je wieder loswird. Indem Brüssel sich aus dem Katalonienkonflikt heraushält und die Regierungen der großen EU-Mitgliedsstaaten dazu schweigen, will man sicherstellen, dass die wirtschaftlichen Folgen der Auseinandersetzung, wie auch immer sie ausgeht, auf der Iberischen Halbinsel verbleiben. Das kommt einem Appell an die wirtschaftliche Vernunft der Kontrahenten gleich: Bedenkt bei allen Schritten, die ihr macht, dass ihr für deren Folgen selber aufzukommen habt. Das könnte disziplinierend wirken. Muss es aber nicht.