Am 23. Januar 2018 werden die 58 Toten des Massakers von Las Vegas lange schon begraben sein, und die Fenster, die der Attentäter Stephen Paddock im Mandalay Bay Casino zerschlagen hatte, werden aussehen wie zuvor. Am 23. Januar wird Amerika wieder zu sich selbst gefunden haben, und wenn sich an diesem Tag die Türen zur größten Waffenmesse der Welt in Las Vegas öffnen, werden 65.000 Menschen erwartet. So viele waren es im letzten Jahr.

In den vergangenen Wochen geschahen Ereignisse, die eine Grundsatzfrage nahelegen: Wird die Politik in Amerika eigentlich noch für die Bürger gemacht – oder gegen sie? Da war erstens das Massaker von Las Vegas. Eine Mehrheit der Amerikaner unterstützt die eine oder andere Form strengerer Waffengesetze. 89 Prozent der Amerikaner sind dafür, dass psychisch Kranke keine Waffen besitzen dürfen. 83 Prozent sind der Meinung, dass es Menschen, die aus Sicherheitsgründen nicht an Bord von Flugzeugen gelassen werden, auch nicht erlaubt sein sollte, Waffen zu kaufen. 84 Prozent meinen, dass auch Waffenkäufe auf Messen nur nach einer Überprüfung des Käufers erlaubt sein sollten. Und doch scheitert seit Jahren jeder Vorschlag eines strikteren Waffengesetzes im Kongress.

Das zweite Ereignis war Donald Trumps Vorschlag für eine Steuerreform, dem zufolge die Steuern der reichsten Amerikaner von 39,5 auf 35 Prozent gesenkt und die der ärmsten von 10 auf 12 Prozent angehoben werden sollen. Und das, obwohl die Mehrheit der Amerikaner verschiedenen Umfragen zufolge gegen eine Steuererleichterung für Reiche ist.

Das dritte Ereignis trug sich am 3. Oktober um zehn Uhr im Obersten Gericht in Washington zu. Es hat nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten wie die anderen beiden und stellte dennoch eine Weiche für die politische Zukunft Amerikas. Der Fall, den die obersten Richter in einigen Wochen entscheiden müssen, illustriert, wie es dazu kommen konnte, dass sich die Politik in Amerika zunehmend gegen die Bürger richtet. Es ging an diesem Tag um nicht weniger als die Frage, ob die Mehrheit der Wählerstimmen in Amerika noch die politische Mehrheit bedeutet. Ob der Wille des Volkes also noch im Parlament abgebildet wird.

In dem Fall, den die neun Verfassungsrichter in ihren schwarzen Roben anhörten, ging es um die Methode, nach der die Wahldistrikte in den Bundesstaaten alle zehn Jahre neu gezogen werden. Der Sinn dieser periodischen Neugestaltung der Bezirke war ursprünglich Fairness. Es sollte sichergestellt werden, dass die Wahlbezirke jeweils in etwa gleich viele Einwohner und damit Wählerstimmen haben.

In den meisten westlichen Demokratien wird eine solche Neuvermessung von einer unabhängigen Kommission entschieden. In Amerika indes liegt dies in 44 von 50 Bundesstaaten in der Macht des Gewinners der jeweils letzten Wahl. Das hat immer wieder dazu geführt, dass Bezirke so gezogen wurden, dass die Verlierer-Partei bei der nächsten Wahl geringere Chancen hatte, zu gewinnen. Das Vorgehen nennt sich Gerrymandering und wird seit dem 19. Jahrhundert von beiden Parteien praktiziert. Nach der Wahl Barack Obamas 2008 zum Präsidenten machten die Republikaner die Neuvermessung Amerikas jedoch erfolgreich zu einer nationalen politischen Strategie.

Einer der Bezirke, den die Republikaner im Jahr 2013 neu zogen, war der Vierte Distrikt in North Carolina. Die Wohngebiete der Afroamerikaner um die Hauptstadt Raleigh herum wurden mit dem linken Uni-Städtchen Chapel Hill verbunden. Durch das Bündeln so vieler demokratischer Stimmen in einem bizarr zugeschnittenen Bezirk wurden sie für den Rest des Staates neutralisiert. Sie wurden gewissermaßen aus dem Wettbewerb genommen. Das Verfahren hat dazu geführt, dass die Demokraten in North Carolina bei der letzten Wahl zwar 49 Prozent der Stimmen gewannen, aber nur drei der 13 Bezirke. Eine republikanische Stimme ist infolgedessen nun dreimal so viel wert wie eine demokratische. Die Wirkung dieser Neuzuschnitte summiert sich. Landesweit gewannen die Republikaner 2016 nur 46 Prozent der Stimmen, erhielten damit jedoch 55 Prozent der Abgeordnetensitze in Washington.

Wahlkreise nach Maß

Parallel zum Präsidenten wird in den USA das Repräsentantenhaus gewählt. Jeder Wahlbezirk schickt je einen Abgeordneten nach Washington. Die Abbildung zeigt die Wahlbezirke von North Carolina, die zwischen den Wahlen von 2012 und 2016 neu definiert wurden. Blau eingefärbt: Bezirke mit demokratischer Mehrheit. Besonders auffällig: Die Grenzen des Bezirks Nummer 4 wurden 2016 ganz anders gezogen, um demokratische Wählerstimmen zu bündeln.

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Die Unterdrückung von Stimmen ist nur eine Folge des Gerrymanderings, die Radikalisierung der Bezirke eine weitere. Denn wo es keinen politischen Wettbewerb mehr gibt, muss ein Politiker nicht mehr an die andere Seite appellieren, deren Wähler es zu gewinnen gilt. Der Kampf geht nicht mehr um die Mitte. Man kann sich das so vorstellen, als würden in einigen Bezirken nur CDU, FDP und AfD antreten, in anderen nur SPD, Linke und die Grünen. Auf diese Weise werden republikanische Bezirke immer rechter und demokratische immer linker. Das Resultat ist ein Auseinanderdriften Amerikas in zwei unversöhnliche Stämme.