Das Problem

"Sie können sogar Helene Fischer nachpfeifen", Barbara Wutkewicz summt Atemlos. Viktor und Leopold stimmen nicht ein. Zu viele Fremde im Haus. Papageien müssen Vertrauen fassen, auch die Graupapageien-Brüder des Ehepaars Barbara, 75, und Karl-Heinz Wutkewicz, 77, aus Sibbesse bei Hildesheim. Es ist ein windiger Frühsommertag, die Sonne scheint, die ehemalige Grundschullehrerin Barbara Wutkewicz hat Rhabarberkuchen gebacken. Die Wutkewicz empfangen Anna-Maria Resei, 26, und Nils Reinke-Dieker, 28, von der Öffentlichen Gestaltungsberatung Hamburg auf der Terrasse. Die Papageien Viktor und Leopold krächzen drinnen. Und da liegt das Problem.

Die Diskussion

Das Ehepaar Wutkewicz hatte eine Mail an die Z-Werkstatt geschickt:

Wir (75, 77) schaffen es nicht mehr, unsere Voliere mit den beiden Graupapageien bei gutem Wetter die fünf Stufen runter auf die Terrasse zu tragen. Vielleicht haben Sie eine Lösung.

Ist es warm in Sibbesse, wird es noch wärmer bei den Papageien im Wintergarten, im Schnitt liegt die Temperatur drei Grad über der Außentemperatur. Im Winter ist das ein Segen. Im Sommer unerträglich. "Wir können rausgehen, wenn die Sonne scheint", sagt Barbara Wutkewicz, "die Papageien nicht." Jedenfalls seit sie einen neuen, mehr als 80 Kilo schweren Käfig angeschafft haben, den sie nicht mehr selbst tragen können. Sie haben es mit einer Sackkarre versucht. Aber die Schwelle zur Terrasse konnten sie auch damit nicht überwinden.

Nun liegen fünf Treppenstufen zwischen ihnen, den Vögeln und dem Glück des gemeinsamen Sommertags. Deshalb sind Anna-Maria Resei und Nils Reinke-Dieker da, sie studieren Experimentelles Design und sollen das Ehepaar Wutkewicz und seine Vögel mit einer Gestaltungsidee wieder zusammenbringen. Sie machen sich Notizen, stellen Fragen, messen den Türrahmen aus.

Für das Ehepaar Wutkewicz gehören Viktor und Leopold zur Familie. Als Umweltschützer versorgen sie sich selbst mit Obst und Gemüse aus dem Garten, sie erzählen von ihrem verstorbenen Münsteraner-Rüden Emil. "Unsere Papageien dürfen jeden Tag zwei Stunden in unserem Wintergarten rumfliegen, haben Spielzeug, sind herausgefordert. Aber mit ein bisschen Luft, mit ein wenig Himmel, würde es ihnen bestimmt noch besser gehen", sagt Barbara Wutkewicz. Die zehn Meter, die nun beim Kaffeetrinken auf der Terrasse zwischen ihr und ihren Papageien liegen, schmerzen sie. Ihr Ehemann Karl-Heinz, der früher als Maschinenbauingenieur gearbeitet hat, empfindet die Distanz als nicht ganz so dramatisch. Für ihn ist Barbaras Vorschlag eine "fixe Idee". Papageien raus oder rein, in Sibbesse ist das eine Glaubensfrage. Anna-Maria Resei und Nils Reinke-Dieker sollen nun mit ihrem Designvorschlag einen entscheidenden Jünger dazugewinnen. Denn ohne Karl-Heinz kein Himmel für Viktor und Leopold.

Die Design-Studenten versuchen möglichst viel über das Ehepaar zu erfahren. Über das Fertighaus, in das es 1968 einzog, seine Lebenssituation, seine Rituale. Denn darum geht es bei Design auch: um Kommunikation. Zweimal fahren Reinke-Dieker und Resei von Hamburg nach Sibbesse, um die Wutkewicz zu treffen. Zwischendurch skypen sie mit ihnen.

Das erste Mal kommen sie, um das Ehepaar und den Ort, den es für sich und seine Tiere geschaffen hat, zu verstehen. Sie lassen sich das Papageien-Spielzeug erklären, beobachten das Verhalten der beiden Vögel und besorgen sich den Grundriss von Haus und Wintergarten. Sie hören viel zu.

Die Lösung

Dann machen sich die beiden Design-Studenten an die Arbeit. Sie diskutieren, probieren aus, fertigen Skizzen an. Den ersten Entwurf nennen sie "Schleuse". Er sieht vor, dass ein kleinerer Käfig draußen fest installiert wird, den die Vögel bei gutem Wetter durch eine Art Schleuse erreichen können. Die Wutkewicz finden die Idee prinzipiell gut, sie birgt aber eine Gefahr: Bei schwerem Regen oder Sturm wäre der kurze Flug durch die vergitterte Schleuse für die Tiere gefährlich.

Der zweite Entwurf heißt "Rampe". Mit geringem Aufwand soll auf Höhe der Türschwelle eine Art Papageienbalkon entstehen, auf den der Käfig geschoben werden kann. Dafür müsste allerdings der Käfig umgerüstet werden, mit den derzeitigen Rollen wäre er zu hoch.