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Miki Ganor, der Mann, dessen Machenschaften derzeit den Regierungen in Berlin und Jerusalem zusetzen, macht einen Scherz. Er steht zwischen einem israelischen Regierungsbeamten und einem deutschen Manager von Thyssenkrupp, der Manager lacht, Ganor legt ihm jovial die Hand auf die Schulter, und schon ist der Vertrag über die Lieferung von deutschen Kampfschiffen nach Israel unterzeichnet. Festgehalten ist die Szene auf einer Aufnahme aus dem Mai 2015. Ganor, der Repräsentant von Thyssenkrupp in Israel, tritt als Mann im Hintergrund auf, als Strippenzieher eines Rüstungsdeals von internationaler Bedeutung, das ist die Aussage des Fotos.

Heute wünschen sich die Regierungen in Jerusalem und Berlin, der jetzt 66-jährige Ganor wäre ihnen nie vor die Linse gelaufen. Der Lobbyist befindet sich seit dem Frühsommer in einer Art Sonderhaft der israelischen Generalstaatsanwaltschaft, weil er mit sehr viel Geld hochrangige Regierungsbeamte in Tel Aviv und Jerusalem bestochen haben soll, damit die Waffenexporte zustandekamen, darunter den früheren Marinechef. Zu den Verdächtigen zählt auch ein Cousin des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Mehr als ein halbes Dutzend Personen befanden sich schon zeitweise in Haft. Es geht um den Kauf von deutschen Korvetten und U-Booten, es geht um mehr als zwei Milliarden Euro und um die Sicherheit des jüdischen Staates. Die Affäre führt ins Herz des deutsch-israelischen Verhältnisses, sie rüttelt an der deutschen Staatsräson und belastet die Beziehungen zwischen den beiden Staaten.

Der Fall bringt nicht nur Netanjahu in Bedrängnis, dessen Rolle undurchsichtig ist. Er stürzt auch die Bundesregierung in ein Dilemma. Sie bezuschusst die Waffenexporte nach Israel mit rund 700 Millionen Euro. Aber kann Berlin Rüstungsgeschäfte passieren lassen, bei denen offenbar in großem Stil bestochen wurde? Wie will das Kanzleramt erklären, dass womöglich deutsches Steuergeld in den Taschen von Vertrauten Netanjahus verschwand? Wie viel Schmiergeld verträgt die deutsch-israelische Freundschaft?

Offiziell wissen die Deutschen nicht, dass Israel die U-Boote atomar aufrüstet

Das Verhältnis zwischen Israel, dem Land der Schoa-Opfer, und Deutschland, dem Land der nationalsozialistischen Täter, ist seit je ein besonderes, und das betrifft auch die Waffenexporte. Israels Sicherheit sei "Teil der Staatsräson" Deutschlands, versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im März 2008 in einer emotionalen Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament. Für Merkel heißt das: "Die Sicherheit Israels ist für mich als Bundeskanzlerin niemals verhandelbar." Ähnlich sah es ihr Vorgänger Gerhard Schröder (SPD), der feststellte: "Ich will ganz unmissverständlich sagen: Israel bekommt das, was es für die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit braucht."

Diese bedingungslose Solidarität brach sich manchmal an politischen Differenzen, über die Siedlungspolitik etwa und vor allem über das Verhältnis zu den Palästinensern. Die Lieferung schwerer Waffen aber ging unverdrossen weiter, ganz egal, wie sehr die Regierungen miteinander stritten. Nur sollte darüber in der Öffentlichkeit möglichst wenig geredet werden – zu groß ist die Angst im Kanzleramt, dass die Bürger den Export deutschen Kriegsgeräts in die heißeste Krisenregion der Welt nicht befürworten würden.

Darin liegt die eigentliche Gefahr der jetzigen Korruptionsaffäre: dass sie den stillen Konsens der Eliten in Berlin aufbricht und die bedingungslose Solidarität mit Israel infrage stellt.

Denn zur Wahrheit zählt, dass Deutschland nicht nur konventionelle Militärausrüstung liefert, sondern auch schwimmende Präzisionswaffen, denen im Fall der Fälle, einem Atomkrieg, eine entscheidende Rolle zukommt: U-Boote der Dolphin-Klasse, hergestellt in der Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel, einem Unternehmen, das zum Dax-Konzern Thyssenkrupp gehört.

Die Schiffe sind nicht nur besonders leise und wendig, sodass sie gut in den engen Gewässern an der Mittelmeerküste und im Persischen Golf operieren können. Sie bergen auch ein offenes Geheimnis: Die Israelis bestücken sie mit Atomwaffen.

Für den jüdischen Staat sind die U-Boote eine Art Lebensversicherung. Sie sichern die sogenannte Zweitschlagsfähigkeit, also die Fähigkeit, nach einem nuklearen Angriff oder einem verheerenden konventionellen Vorstoß atomar zurückzuschlagen. Die Kriegsschiffe, sagt der israelische Admiral Avraham Bozer, sollten "garantieren, dass der Feind sich nicht verlockt fühlt, präventiv mit nichtkonventionellen Waffen zuzuschlagen, und doch ungestraft davonkommt". Und der ehemalige Oberbefehlshaber der israelischen Marine, Ami Ajalon, argumentiert: "Für unser Land war der Kauf der U-Boote die wichtigste strategische Entscheidung." Kein anderes Land würde den Bedürfnissen der Israelis in dieser delikaten Sache so weit entgegengekommen wie die Bundesrepublik.

Am 30. Januar 1991, kurz nach Beginn des Golfkriegs, versprach die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) die Lieferung der ersten beiden Boote, die komplett aus dem deutschen Haushalt bezahlt wurden. 1995 wurde der Vertrag für U-Boot Nummer drei unterzeichnet. Und die rot-grüne Koalition genehmigte 2005 den Export der Dolphins vier und fünf. Offiziell behauptet man im Kanzleramt, bis heute nicht zu wissen, dass die Israelis die Schiffe mit Atomwaffen bestücken.

Einen maßgeblichen Anteil daran, dass das Geschäft in aller Stille abgewickelt wurde, trägt der israelische Nationalheld Schaike Bareket, ein hochdekorierter Luftwaffensoldat, der seit 1991 als Repräsentant von Thyssenkrupp in Israel wirkte und jahrelang zwischen beiden Ländern pendelte.