An dem Sonntag, an dem die AfD fast sechs Millionen Stimmen bekam, waren Ljuba und ich noch in Tel Aviv. Gleich nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Taxi in die King George Street, zum Antiquariat Pollak, wo man achtzig Jahre nach dem großen Bücherfeuer vom Berliner Opernplatz immer noch perfekt erhaltene Erstausgaben von Joseph Roth und Salomo Friedlaender kaufen kann.

Der Morgen war, wie in den Tagen davor, grau und fast ein bisschen kühl, aber wir waren trotzdem traurig, dass wir bald wieder nach Berlin zurückfliegen mussten. Als wir in der King George aus dem Taxi ausstiegen, hatte Ljuba plötzlich ein kleines silbernes Döschen in der Hand, das sie neben sich auf dem Rücksitz gefunden hatte. In dem Döschen war dieses israelische Marihuana, das ähnlich gut riecht wie ein altmodisches Parfum von Guerlain, und bevor die immer viel zu ehrliche Ljuba es beim Fahrer abgeben konnte, steckte ich das Döschen schnell in die Hosentasche und sagte: "Wer so was liegen lässt, hat zu Hause noch viel mehr. Das rauchen wir heute Abend, gleich nach der ersten Hochrechnung!"

Wir waren sehr lange bei Pollak, fast eine Stunde. Ich kaufte für mich Alfred Kerrs Buch über Walther Rathenau – Querido-Verlag, Amsterdam 1935 –, Ljuba wollte nur ein altes Rowohlt-Taschenbuch mit Tucholskys Literaturkritiken, und für meine Tochter fand ich die Lebenserinnerungen von Flavius Josephus, die noch 1934 in der Bücherei des Schocken-Verlags in Berlin erscheinen konnten. Nachdem ich bezahlt hatte und wir mit Herrn Pollak kurz darüber geredet hatten, dass schon sein Urgroßvater diesen Buchladen aufgemacht hatte, lange vor seiner Alijah, 1899, in Bukarest, fuhren wir mit dem Bus zum Mittagessen ins Keton auf der Dizengoff.

Das Wetter war inzwischen genau so, wie es Ende September in Tel Aviv sein sollte: Sonne, 28 Grad, leichter Wind, bei dem man nie wusste, ob er nach Meer oder Abgasen roch, und immer wieder ein paar kleine, weiße, schnell vorbeiziehende Wolken über der Stadt. Im Keton saßen wir draußen, im Schatten, wir aßen Hühnersuppe mit Kreplach, dann Gulasch, Kasche, Wareniki und guckten den Leuten zu, die auf der Dizengoff an uns vorbeigingen. Es waren junge, müde Tel Aviver Mütter mit ihren Kindern, bleiche Russen, tätowierte Deutsche, selig vor sich hin lächelnde Chassiden, ernste, meist viel zu dünne Äthiopier, arabische Arbeiter, die vielleicht auch jüdische Arbeiter waren, perfekt angezogene französische Juden, von denen es in den guten Vierteln von Tel Aviv inzwischen mehr gab als in Montparnasse und Marais, greise Jeckes in Rollstühlen, meist von einer freundlichen, kalten, jungen Filipina geschoben, amerikanische Professoren und schwarze, 2,20 Meter große Basketballspieler. Ein kleiner, schöner, gedrungener Mann mit scharf geschnittenen Gesichtszügen und streng zurückgegelten Haaren sah genauso aus, wie ich mir schon immer einen argentinischen Gaucho vorgestellt habe, und während er bald wieder in der Menge verschwand, sagte ich zu Ljuba: "Wo würdest du lieber wohnen – in Berlin oder in Tel Aviv?"

"In Moskau", sagte sie. "Und du?"

"Keine Ahnung."

"Warum nicht in Tel Aviv?"

"Weil ich kein Hebräisch spreche. Weil ich auf Deutsch schreibe. Und weil ich Deutsch erst mit zehn Jahren gelernt habe und im Ausland immer ganz schnell denke, dass ich es nicht mehr kann."