In dieser Fernsehsendung ging es nie um Verbrecher, nie um Motive und nie um das Warum. Wieso etwa dieser Herr Fröschl aus der Sendung vom Oktober 1967 die Branche wechselte und aus dem Einbrecher Fröschl der Heiratsschwindler Fröschl wurde. Als Berufsbezeichnung gab er bei den wechselnden Damen "Pilot" an. Warum bitte Pilot? Weil Frauen auf Uniformen stehen? Oder war da was in seiner Kindheit? Wäre interessant gewesen zu erfahren, aber solche Fragen lässt Aktenzeichen XY ... ungelöst tatsächlich unbeantwortet.

Es ging in dieser Sendung auch nie um Opfer, um Verzweiflung, um die verheerenden Folgen einer Tat. Man hätte zum Beispiel gern erfahren, warum diese nette, gar nicht einfältig wirkende ältere rundliche Frau diesem bleichen, dürren Fröschl derart verfiel, dass sie ihm ihre gesamten Ersparnisse überließ. Was hatte dieser Mann? Und was fehlte dieser Frau? In der Sendung sieht man nur, wie sie auf ihn wartet, immer wartet, zuletzt mit einem Kriminalbeamten an ihrer Seite, aber Herr Fröschl meldet sich allenfalls per Telefon. Man kann den Eindruck gewinnen, der Kommissar und die Dame verstehen sich ihrerseits nun ziemlich gut, aber natürlich verfolgte Aktenzeichen XY ... ungelöst derlei nicht weiter.

Hier geht es allein ums Zuschauen. Der deutsche Zuschauer ist der Mittelpunkt. Man sieht einen Mann morgens die Ehefrau kurz küssen. Dann steigt er in sein Auto, und die Stimme aus dem Off orakelt: "Wie jeden Tag will er zur Arbeit fahren, doch er weiß nicht, dass es dieses Mal seine letzte Fahrt sein wird ..." Ein typischer Aktenzeichen XY- Anfang, der die Botschaft vermittelt: Da draußen in Deutschland lauert das Böse, jede Sekunde kann Schreckliches geschehen, allüberall dräut die Gefahr. Der Deutsche muss umsichtig sein – und wenn ihm etwas auffällt, was nach Bosheit riecht, muss er es melden. Wem? Na, "der Redaktion der Sendung, der örtlichen Polizeidirektion oder jeder anderen Polizeidienststelle".

Seit 50 Jahren hat das ZDF ein Erfolgsrezept, das einfacher nicht sein könnte: des Deutschen Furcht vor dem Verbrechen. In den ersten Jahrzehnten, als es nur zwei Fernsehprogramme gab, sahen mehr als 30 Millionen Schaudernde zu, und Eduard Zimmermann, legendärer Gründer und Moderator der Sendung, suchte mit ernster Miene die direkte Ansprache: "Liebe Zuschauer, bitte seien Sie wachsam, wenn Sie zum Beispiel die Sendung mit anderen zusammen in einer Gaststätte anschauen, und plötzlich verlässt jemand betont unauffällig den Raum, denken Sie daran: Das könnte der Mann sein, den wir suchen".

Dreißig Millionen Deutsche waren damals von 20.15 Uhr an auf Verbrecherjagd. Heute sind es immerhin noch rund fünf bis sechs Millionen. Wer sich in Fünfjahresstiefeln die Folgen heute ansieht, lernt ein Stück Zeitgeschichte der besonderen Art kennen. Sechzig bis neunzig Minuten dauern die Sendungen (anfangs noch mit einer zweiten Sendung spätnachts, wenn die ersten Fahndungsergebnisse hereinkamen). Über allem thronend: Eduard Zimmermann.

Die Nachfolger ab 1997, zunächst der Anwalt Butz Peters (nicht so wichtig), dann, auch schon seit 15 Jahren, Rudi Cerne, ehemaliger Eiskunstläufer und Moderator verschiedener Sportsendungen. Bedeutende Nebenfiguren waren Zimmermanns Kollegen aus der Schweiz und Österreich: die Journalisten Konrad Toenz (er löste 1976 Werner Vetterli ab) und Peter Nidetzky, beide in perfekter Beamtendürre die neuesten polizeilichen Erkenntnisse aus Zürich und Wien verkündend. Vor allem Toenz wirkte dabei so knochentrocken, dass ihm zu Ehren mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg den Durstigen eine Bar eröffnet wurde, die Konrad-Tönz-Bar.

Die erste XY- Sendung lief am 20. Oktober 1967. Ein Auftakt von ununterbietbarer Schlichtheit. Eduard Zimmermann, ein fülliger Herr in Anzug und Krawatte, sitzt am Tisch, blickt durch seine gewaltige Brille besorgt in die Kamera und wagt eine steile These:Die Kriminalität wachse in Deutschland fünfmal so schnell wie die Bevölkerung. Polizei und Gerichte seien heillos überfordert, jetzt müsse das Fernsehen helfen im Kampf gegen das Verbrechen. Dann rät er den Zuschauern, eine Kamera plus Stativ vor dem Bildschirm aufzubauen, damit sie die Fahndungsfotos abfotografieren und sich einprägen können. Er gibt sogar Tipps für die Blende!

Hinter Zimmermann sitzen im Studio vier Damen in weißen Blusen, "die, verehrte Zuschauer, Ihre Anrufe entgegennehmen werden". Ein Fernschreiber ist auch da. Nüchternheit heißt das Prinzip. Das Grauen ist draußen im deutschen Lande, hier im Studio ist es sicher, aber die Lage bleibt ernst, daher: keine Regung, kein Lächeln. Nichts als Professionalität. Zu jedem Fall holt sich Eduard Zimmermann den ermittelnden Kommissar dazu, der noch ein Stück bürokratischer daherkommt als er selbst.

Die ersten Fälle handeln von den Knochen einer verschwundenen Frau, von einem Mann "mit riesigen Händen" und eben vom Heiratsschwindler Fröschl. Beim allerletzten Fall könnte das aufmerksame Publikum ein kurzes Blitzen in Zimmermanns Augen entdecken, als er das "Geheimnis der sitzenden Katze" ankündigt. Wow, denkt der Zuschauer, ein Hauch von Edgar Allan Poe durchweht das Studio.

Doch dann geht es leider bloß um das Monogramm eines gestohlenen Schmuckstücks. Zu guter Letzt purzeln die Fragen ins Wohnzimmer: Wer sah den "Mann mit den riesigen Händen"? Kennt einer den dürren Fröschl? Vermisst jemand die sitzende Katze?

1967. Blickt Deutschland auf dieses Jahr zurück, sieht es Studentenunruhen, Rudi Dutschke und eine Jugendrevolution, die alles veränderte. 1967 ist aber auch das Jahr, in dem eine der erfolgreichsten Sendungen der deutschen Fernsehgeschichte startete und die Deutschen ängstlich auf den Bildschirm starrten. Ja, dieser Erfolg gründet auf Angst. 50 Jahre später zieht die AfD in den Deutschen Bundestag ein – als drittstärkste Partei. Die Angst, vor dem Dunklen, dem Chaos, dem Verbrechen, ist auch die Geschäftsidee dieser Partei. Mit Angst lassen sich in Deutschland nach wie vor Geschäfte machen.

Eine Sendung im März 1972. Zimmermann blickt in die Kamera, diesmal noch eindringlicher als sonst, er sagt: "Es sieht so aus, als würden wir uns an solche Nachrichten gewöhnen müssen." Mit "solchen Nachrichten" meint er: brutale, schreckliche Gewalttaten. Menschen massakrieren Menschen. Zimmermann schürt den Eindruck, grausige Taten geschähen immer häufiger und gehörten quasi zu dieser unsicheren modernen Zeit. Er sagt es nicht, aber er meint genau das: Früher hat es so was nicht gegeben, früher war alles besser.