In einem Frankfurter Hotel geben der Autor Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad ein Interview nach dem anderen: Heftig wird die Werbetrommel gerührt für "Asterix in Italien", den 37. Band der Serie, ihren dritten gemeinsamen "Asterix". Die beiden witzeln sich routiniert durch den Nachmittag. 2013 haben sie die Serie von Albert Uderzo übernommen, der die beiden widerspenstigen Gallier Asterix und Obelix vor über einem halben Jahrhundert mit dem Autor René Goscinny erfunden hatte. Während wir sprechen, zeichnet Didier Conrad für uns einen Zeitung lesenden Asterix. Dann reicht er das Blatt zu Ferri, der den Titel ergänzt. Und, klar, Asterix liest "DIE ZEIT". Wobei es sich um eine französische Variante handelt: "Le Temps".

DIE ZEIT: Monsieur Conrad, Monsieur Ferri, in Ihrem neuen Asterix-Band findet ein Wagenrennen quer durch Italien statt. Es führt durch Regionen von Venetien bis Sizilien, von denen jede auf ihre Eigenständigkeit pocht. Man könnte denken, es gehe da um die EU und die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens.

Jean-Yves Ferri: Die Realität hat uns eingeholt. Die Idee war eigentlich die einer Reise, auf der man sieht, was für unterschiedliche Gegenden es in Italien gibt. Um das zu betonen, zeigen wir, wie autonom sie gegenüber Rom zu sein versuchen. Aber das sollte nicht das Hauptthema sein. Asterix ist nicht für politische Botschaften gemacht. Und auch Cäsar ist in allen Bänden ein eher allgemeines Symbol für eine Zentralmacht.

ZEIT: Hat man in den Asterix-Geschichten nicht schon immer gegenwärtige Machthaber wiedererkennen wollen?

Ferri: Zu der Zeit, in der Asterix entstanden ist, riefen die Erfinder mit dem Kampf gegen die Römer Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Okkupation durch die Deutschen wach. Heute können die Römer symbolisch für Verschiedenes stehen: die Globalisierung, die Amerikaner oder auch Europa.

ZEIT: Jedenfalls treten in dem Wagenrennen verschiedene Völker des Römischen Reiches, also Europas, gegeneinander an. Vor Stereotypen schrecken Sie nicht zurück.

Didier Conrad: Sich über nationale Stereotype lustig zu machen gehört unbedingt zur Asterix-Serie. Natürlich auch über die Gallier. Albert Uderzo hat mir eingeschärft: Die Italiener haben gar nicht solche Zinken, es sind die Franzosen, die große Nasen haben.

ZEIT: Das betrifft auch die Pferde, die vor die Karren verschiedener Länder gespannt werden.

Conrad: Stimmt, ich habe versucht, den Pferden den Charakter der Nationen zu geben, damit man sie gut erkennt. Die deutschen Pferde laufen im Gleichschritt.

ZEIT: So eigenartig die Teams bei dem Wagenrennen durch Italien auch sind, sie nehmen am selben Spiel teil. Auch das könnte man politisch lesen: Braucht eine Europäische Union Brot und Spiele?

Conrad: Europa besteht ja aus Ländern, die in dieselbe Richtung wollen, zwischen denen es aber einen gewissen Wettbewerb gibt. In wirtschaftlicher Hinsicht vergleicht man die Länder miteinander, und dann steht Deutschland eben gut da und Griechenland nicht so.

Ferri: Wir konnten da einige Anspielungen darauf unterbringen, ob fair miteinander umgegangen wird, ob es Solidarität zwischen den Völkern gibt oder ob man sich gegenseitig ein Bein stellt.

ZEIT: Obelix scheint im neuen Band wieder sehr viel zu tun zu haben: Er lenkt den gallischen Wagen. Müssen wir uns da Sorgen um seine Figur machen? Er wird doch nicht etwa abnehmen, weil Witze über Dicke immer mehr aus der Mode kommen?

Conrad: Man soll sich heute nicht mehr über Dicke lustig machen, genau wie man keine Witze über Stereotype machen soll. Diese Entwicklung läuft dem Grundton der Asterix-Bände zuwider.

Ferri: Obelix zieht alle Sympathien auf sich, weil er dick ist. Das geht sehr zugunsten der Dicken. Der andere ist klein, hat eine große Nase und ist auch sympathisch. Die beiden sind im Kontrast zum Ideal eines Helden entworfen worden, der früher immer ein Schönling mit einer kleinen Nase sein musste. Es ging also von Anfang an um den Kampf gegen bestimmte Stereotype.

ZEIT: Asterix’ Welt ist eine ziemliche Männerwelt. Warum eigentlich?

Conrad: Das geht auf die Entstehungszeit zurück. Man hat damals sehr wenig Frauenfiguren verwendet, weil es bis in die sechziger Jahre harte Jugendschutzgesetze in Frankreich gab. Die Veröffentlichungen wurden erst nach dem Druck daraufhin kontrolliert, und deshalb haben sich die Verleger aus Angst, ihre Bücher nicht verkaufen zu dürfen, selbst stark zensiert. Es war ein protektionistisches Gesetz, das den Erfolg von Comics in Frankreich unterbinden sollte. Es hat der französisch-belgischen Comickultur aber sogar gutgetan, weil die Verleger eigene Werke in Auftrag geben mussten und amerikanische Comics den Markt nicht überschwemmen konnten.

ZEIT: Gut, aber die Zeiten und Gesetze haben sich geändert, oder?

Ferri: Wir versuchen das Frauenbild heute langsam weiterzuentwickeln. Das wird das Bild von Asterix insgesamt sehr verändern. Wenn wir das übers Knie brächen, würde man das Asterix-Universum nicht mehr wiedererkennen. Im vorigen Album Der Papyrus des Cäsar gab es zum Beispiel schon mal die Frau eines Chefs, die dann selbst eine Führungsrolle einnimmt. Aber man muss das vorsichtig angehen. Mit Frauen muss man vorsichtig sein.