In der Zoo-Palast-Lounge ist die Stimmung entspannt. "Ich hol mir noch einen Vino", sagt eine Dame. Neben der Bar ein transparenter Schnittchen-Kühlschrank, der belegt, wie liebevoll man sich bei der Renovierung des Fünfziger-Jahre-Kinos um Authentizität bemüht hat. An diesem Abend geht es um die Zwanziger, die im Jahr 1929 beginnende Fernsehserie Babylon Berlin hat Premiere. Wer die Einladung flüchtig gelesen hat, steht jetzt vor dem gleichnamigen Kino in Mitte. Am Zoo warten elegant in die Schräglage verschiebbare Ledersessel – ein Gefühl wie im kalifornischen Autokino, und genau da kommt der Produzent Stefan Arndt gerade her. Er spricht zur Begrüßung von einer "grandiosen L.A.-Premiere", und als sein Handy vor versammeltem Publikum klingelt, reagiert er schlagfertig: "Das ist Hollywood." Der Conférencier Burkhard Kieker betont, dass in Berlin 2015 mehr Hollywood-Filme als in Hollywood gedreht wurden. Deshalb misst sich Babylon Berlin auch nicht mit Produkten der betagten Kinometropole, sondern mit Homeland und Mad Men, den Highlights des US-Serienbooms. Stefan Arndt möchte "weltweit deutsche Filme durch die Glasfaser drücken", und "Film" sagt er, weil Babylon Berlin für ihn "12 Stunden Kino, keine Fernsehserie" ist.

Das lässt sich beim 90-minütigen Auftakt gleich testen. Die Kamera ist sehr nah bei den Figuren. Der Bildausschnitt erinnert an die randlos angeschnittene Fotografie moderner Magazindoppelseiten. Und weil man tief ins Zille-Milieu greift, fühlt sich der Zuschauer selbst in tuberkulösen Verhältnissen. Die acht in Babelsberg aufgebauten Hinterhof-Kulissen werden weidlich genutzt. Glamour-Naturalismus einerseits, andererseits eine Gewaltverliebtheit, die 4 Blocks erblassen lässt. Verblüffend, hatte Stefan Arndt doch erklärt, dass die Serie "sehr langsam" anfängt, "damit Sie wirklich in die zwanziger Jahre eintauchen können. Anders als man es im deutschen Fernsehen macht", sollen wir Zuschauer "erst mal das Hirn frei kriegen". Tatsächlich tauchen wir intensiv in die Stereotype der Zwanziger ein. Cabaret, Transvestiten, Pornoindustrie, Champagnerpyramiden, Kokain, bulliger Kommissar, Flugblattdruckerei. Nur auf den Tellern im Luxusrestaurant geht es genauso minimalistisch-ornamental wie bei heutigen Berliner Michelin-Stern-Aspiranten zu.

Authentisch deutsch wird die Serie nicht durch Milieustudien, sondern durch eine gewisse Biederkeit und einen Tatort- nahen Realismus des Erzählens. Von Ernst Lubitschs Devise "How can we say it differently?" haben sich die regieführenden Drehbuchautoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten nicht behelligen lassen. Dank verzögerter Schnitte hängen einzelne Szenen wie triefende Wäsche im "horizontalen Erzählen", worunter Arndt die episodenübergreifende Entfaltung der Handlung versteht. Was an Spannung fehlt, muss Lokalkolorit wieder wettmachen. Gerührte Lacher beim umgangssprachlichen Rüffel: "Was stehste hier rum wie Piksieben?" Diese Serie will alles sein, Good bye Lenin!, Inglourious Basterds, Aimée & Jaguar, Cabaret. Der Exportartikel mit einem Sechs-Millionen-Budget für digitale Effekte scheint gut anzukommen: "In den ersten Medienhäusern ist die Serie schon weltweit ausverkauft."

In Krisenzeiten gibt es offenbar einen Markt für Hochglanz-Klischees. Die Männer sehen mit dem rechtsscheiteligen Kurzhaarschnitt appetitlich aus, die jungen Frauen mit ihren bunten Cloche-Hüten. Das Blut wirkt so plastisch wie die nackten Brüste der Animierdamen. Aber die Gefahr ist groß, dass in den Glasfaserkabeln ein Berliner Disneyland in die Welt gedrückt wird.

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