Es braucht ja gar nicht viel, um eine Heldin zu werden. Ein Zug aus dem Asthmaspray-Fläschchen reicht, und schon verwandelt sich das pubertierende Girl in Becks jüngstem Video Up All Night in eine Art Superwoman. In glitzerndem Ritterharnisch schlägt sie eine Schneise durch den Party-Dschungel und kann ihren Freund, der nach einem Alkohol-Knock-out bewusstlos auf dem Billardtisch liegt, aus einer feindlichen Unterwelt befreien. Das ambitionierte Video, halb Science-Fiction-Märchen, halb Pop-Art-Spektakel, war der finale visuelle Vorbote für das neue Beck-Album Colors.

Es gibt keinen Beck-Auftritt im Beck-Video, der Künstler legt aber eine Fährte zu seiner eigenen, vielfach kolportierten Heldengeschichte. Die Teenie-Heroine könnte die kleine Schwester des ganz jungen Beck sein. Sie begegnet uns aus dem Nichts, mit dem Unschuldsblick jenes Buben, der damals, mit Gitarre und Indianerschmuck bewehrt, durch das Video zum Song Loser huschte und im Vorbeigehen die Popmusik rettete – knapp ein Vierteljahrhundert ist das her. Loser sollte nicht nur ein Smash-Hit werden, Beck avancierte zum ersten amtlichen Propagandisten der Collage im Pop, er katapultierte Delta-Blues und Singer-Songwriter-Traditionen in die Ära von Hip-Hop und Sampling. Man feierte den rotbackigen Jungen mit dem seltsamen Singsang als "Dylan der Generation X". Die Karriere des Hochbegabten mäandert seitdem geradezu kunstvoll zwischen Episoden glamouröser Popstar-Auftritte, Momenten stiller Einkehr und freizügigen Erkundungen musikalischen Roh- und Fremdmaterials.

Dem neuen Album Colors, laufende Nummer 13 in der Diskografie des Sängers, Songwriters und Multiinstrumentalisten, durften wir bei der Geburt zusehen und -hören. Vier Jahre Arbeit steckte der Künstler mit Produzent und Langzeitfreund Greg Kurstin in das Werk, Veröffentlichungstermine wurden verschoben, zur Überbrückung wurde eine Single nach der anderen auf den Markt geworfen.

Beck erläutert am Telefon, warum das alles so lange gedauert hat. Er berichtet von der Entwicklung und Verwandlung der Songs, von den Ansprüchen, die ihn trieben, von den Tourneen und Engagements. Im Zweifelsfall wurde ein Song einer Radikalkur unterzogen. "Es war so, als ob du eine Stadt baust, sie abreißt und erneut aufbaust. Kaum eine Idee war so wertvoll, dass sie nicht noch einmal hätte verworfen werden können."

Der Bessermacher Beck ist bei genauer Betrachtung ein perfektes Spiegelbild des schluffigen Jung-Genies aus den Neunzigern, das gar nicht wissen wollte, was es da tat. In dem Moment, da alle zu wissen glaubten, was sie von dem Modernisierer erwarten konnten, trat dieser die Flucht nach hinten an und erfand sich je nach Lust und Lebenslaune neu.

Der 2013 veröffentlichten bibliophilen Liedsammlung Song Reader, die lediglich in Notenform erschienen war und erst durch Fan-Aufnahmen auf YouTube Gestalt annahm, folgte das klassische California-Pop-Album Morning Phase, das 2015 drei Grammys gewann. Colors klingt dagegen wie eine bis in jedes Sicherheitsdetail durchgeplante Explosion, wie das Werk eines Musikers, der den Balanceakt zwischen Mainstream und Experiment zu seiner kreativen Bestimmung erklärt.

Die gute Nachricht: Die Grundstimmung ist dennoch entspannt. "Dear life, come and pick me up", singt Beck, dazu werden ein Honky-Tonk-Piano und Gitarren aus dem Beatles-Lehrbuch gereicht, zum Finale schwebt der Song auf einer einzigen großen Wolke aus "Lalalala". Colors und Dreams zitieren die Achtziger-Jahre-Dance-Pop-Glückseligkeit, nur den Gesang hat man sich bei Beyoncé abgeschaut.

So viel Zitat und Referenz auch auf Colors zu entdecken sind, die neue Beck-Platte muss nicht der Retroseligkeit verdächtigt werden. Beatles und Beyoncé werden gewissermaßen ihrer zeitlichen Verortung beraubt, Becks Songs hintergehen die Unterscheidung von Gegenwart und Vergangenheit. Man kann dem Phänomen auch mit Mark Fisher zu Leibe rücken, dem vor Kurzem verstorbenen britischen Intellektuellen und Pop-Theoretiker. Seit den frühen Achtzigern, schrieb Fisher, sei "in der Kultur die Zeit kollabiert", habe die lineare Entwicklung "einer merkwürdigen Simultaneität" Platz gemacht.

Die Diagnose, die Fisher in dem Essayband Gespenster meines Lebens veröffentlichte, könnte für Beck erfunden worden sein. Der 1970 in L.A. geborene Sohn einer Schauspielerin und eines Musikers arbeitete von Anbeginn an in einem Universum der Gleichzeitigkeit. Auf Colors aber demonstriert Beck, wie gut er sich in diesem postmodernen Patchwork der vielen miteinander verschweißten Zeichen und Sounds zu bewegen versteht: Im Putzmunter-Pop des Amerikaners ist die Ereignisdichte so hoch, dass niemand mehr nach etwas Neuem suchen muss.

Bei Fisher war das Nebeneinander der Zeiten und Stile ein Ausdruck kultureller Ermüdungserscheinungen, Beck erklärt das Spiel mit den Hinterlassenschaften aus den diversen Epochen des Pop dagegen zum schöpferischen Spaßakt. Der Verlust der Zukunft ist in diesem Moment keine Katastrophe, er macht uns noch nicht mal mehr müde.