Ministerium für den Austritt aus der Europäischen Union – das klingt wie eine Erfindung aus einem satirischen Roman. Doch es existiert wirklich. Im Regierungsviertel nur "DExEU" genannt, soll es die Verhandlungen zum Austritt aus der EU führen. Das Kürzel steht für Department for Exiting the European Union. Europas erstes Abschiedsministerium.

Theresa May hat es drei Wochen nach dem Referendum vom vergangenen Sommer gegründet; damals, als sie im Regierungsviertel aus ihrem Schock erwachten, sich die Augen rieben und dachten: Verdammt, wir haben nichts vorbereitet! David Cameron, ihr Vorgänger, hatte das nicht für nötig befunden: Es war für ihn unvorstellbar, dass die "Leave"-Kampagne gewinnen könnte. Großbritannien stolperte völlig unvorbereitet in den Brexit.

Nun kämpfen die DExEU-Mitarbeiter gegen die Zeit. Und gegen die Komplexität.

Die Versprechen der Brexiteers klangen so simpel: raus aus der EU, runter mit der Einwanderung, kein Geld mehr an Europa, mehr Handel mit der restlichen Welt. Doch nun trifft die populistische Wut auf die politische Wirklichkeit. Ein Frontalzusammenstoß.

Kurz vor einem entscheidenden Treffen der europäischen Regierungschefs, die in dieser Woche eine Zwischenbilanz ziehen wollen, titelte der Nachrichtendienst Bloomberg: "Brexit-Verhandlungen vor dem totalen Zusammenbruch?"

Der Brexit steckt fest – 16 Monate nach dem Referendumsschock, vier Monate nach Beginn der Verhandlungen mit den Europäern und 17 Monate vor dem offiziellen Austrittstermin.

Warum, das erfährt man bei einem Besuch im Austrittsministerium. Weiße, säulenverzierte Regierungsgebäude säumen die Whitehall, die vom Trafalgar Square zum Palast von Westminster führt. Rote Busse schieben sich träge durch den Verkehr, Touristen mit Selfiesticks fotografieren die königliche Wache auf ihren Pferden. Das DExEU hat die Adresse Whitehall 70, doch wenn man dort ankommt, sucht man vergeblich nach dem Klingelschild.

Es ist ein Ministerium ohne Haus oder Macht. DExEU besetzt einen Flügel im Cabinet Office, dem Institut zur Unterstützung des Kabinetts, weitere Büros befinden sich im Verteidigungsministerium und in Downing Street 9. Wie viele Mitarbeiter für das DExEU arbeiten, kann der Pressesprecher nicht genau sagen. Wahrscheinlich sind es mehrere Hundert, die Fluktuation ist hoch. Seit dem Sommer haben vier hochrangige Beamte das Team verlassen.

Die Leute, die im DExEU arbeiten, tragen helle Hemden und sprechen mit glasklaren Akzenten. Es sind britische Elitebeamte, die vorher in Brüssel oder im Außenministerium stationiert waren: Diplomaten, Juristen, Handelsexperten; Profis, die etwas von Europa verstehen. Zitieren darf man sie nicht. Alles, was mit dem Brexit zu tun hat, ist heikel.

Theoretisch besteht ihre Rolle darin, einen neuen Platz für Großbritannien in der Welt zu finden. Praktisch werden sie täglich von Tausenden technischen Details erdrückt.