Das DExEU soll definieren, welche Politikfelder vom Brexit betroffen sein werden. Wie ein großes Gehirn sammelt und sortiert es die Informationen der anderen Ministerien. Erst jetzt, da die Briten aus der EU austreten, wird deutlich, wie eng sie mit ihr in den vergangenen vier Jahrzehnten verwachsen sind. Der Brexit gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der Londoner City. Die britische Krankenversicherung NHS. Die Forschungsbudgets der Universität Cambridge. Und da ist noch viel mehr. Nur ein paar Beispiele:

Nach dem Austritt wird Irland Teil der EU bleiben, während Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs die Europäische Union verlässt. Wird zwischen den beiden Ländern wieder eine harte Grenze hochgezogen? Könnte sie den Frieden gefährden?

Die britische Regierung will Europäern, die bereits im Land leben, dieselben Rechte garantieren wie bisher. Sie müssen sich dafür registrieren. Doch was ist mit denen, die später nach Großbritannien ziehen?

Mit dem Austritt aus der EU verlässt das Land auch die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). Wird das auch das Ende der britischen Teilnahme am Euratom/EU-Messnetz sein, das die Radioaktivität von Boden, Luft und Wasser der Mitgliedsstaaten überwacht?

Eine britische Bulldogge darf ihren Besitzer dank dem EU-Heimtierausweis in den Urlaub nach Spanien begleiten. Wird der dortige Tierarzt sie auch nach dem Brexit behandeln?

Was mit "Holen wir uns die Kontrolle zurück" begann, ist nun bei der Frage nach der Freizügigkeit der britischen Bulldogge gelandet. Kontrollverlust.

Die britischen Beamten ziehen Dokumente mit bunten Kästchen hervor, auf denen markiert ist, wo schon Lösungsvorschläge erarbeitet wurden und wo die Antworten noch offen sind. In manchen Bereichen wäre es aus ihrer Sicht sinnvoll, bestehende EU-Regeln beizubehalten. In anderen sollen sie kopiert werden, in wieder anderen abgewandelt oder ganz ersetzt werden. Sie nennen es "flexibles Denken". Die Europäer sagen dazu cherry picking – sinngemäß auf Deutsch: die Rosinen aus dem Kuchen picken. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, die EU-Mitgliedschaft als Ganzes zu betrachten – wer den Club verlässt, verzichtet auch auf seine Privilegien.

Die Briten denken an die technischen Fragen. Die Europäer an das große Ganze. Man sitzt einander wie verkrachte Ehepartner gegenüber, die bei der Scheidung feststellen, dass sie den anderen nie wirklich verstanden haben.

Fünf mehrtägige Verhandlungsrunden haben die DExEU-Leute mit ihren europäischen Kollegen absolviert. Mit jedem Mal wurde klarer, dass die anderen die besseren Karten haben. Zwar ist man sich einig, dass der Frieden in Nordirland gesichert werden muss und die Rechte der drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien (und der 1,2 Millionen Briten in Europa) gewahrt werden sollen. Aber es kracht beim Geld.

Theresa May möchte eine zweijährige Übergangsphase nach dem Austritt im Jahr 2019 heraushandeln, in der die Briten weiter in das EU-Budget zahlen und dafür ähnliche Rechte genießen wie bislang. Den Europäern – vor allem den Deutschen – ist das zu vage: Welche Summe wollen die Briten überweisen, und werden sie sich dann an alle Regeln – etwa an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs – halten?

An dieser Stelle werden aus technischen Fragen politische. Und aus Theresa Mays Schwäche wird ein Nachteil in den Verhandlungen. Eine starke Premierministerin wäre vielleicht in der Lage, auf die Europäer einzugehen und dies zu Hause als Kompromiss zu verkaufen. May aber wird nur noch als angeschlagene Regierungschefin angesehen. Geht sie zu sehr auf die Europäer ein, greifen sie die Brexiteers an, vor allem Boris Johnson, ihr Außenminister. Geht sie zu sehr auf die Brexiteers ein, verschleppen die Europäer die Verhandlungen. Schon jetzt fragen sie sich, ob sie sich auf Mays Worte verlassen können und wie lange sie überhaupt noch an der Macht sein wird. "Dead woman walking", so hat sie der frühere Schatzkanzler George Osborne genannt.

Die Zeit drängt. Zwei Jahre sieht der Artikel 50 des Lissabonner Vertrags für einen Prozess des Ausstiegs aus der EU vor. Danach ist die Mitgliedschaft der Briten automatisch beendet. Zwei Jahre, von denen schon mehr als ein Viertel aufgebraucht ist, denn seit März läuft die Uhr. Wie sollen die Briten in der verbleibenden Zeit die vielen offenen Fragen lösen und außerdem darüber verhandeln, wie ihre Beziehung zur EU in Zukunft aussehen wird? Was geschieht, wenn die jetzige Blockade länger anhält? Was, wenn die Verhandlungen tatsächlich scheitern?

"Riskiert die britische Regierung, dass die Verhandlungen mit einem ›No Deal‹ enden?", wurde David Davis, der Chef des DExEU, vor einigen Tagen auf einer Pressekonferenz in Brüssel gefragt.

Der Minister hatte keine gute Antwort. "Die Vorbereitungen für einen neuen Deal, ääähh, keinen Deal ... wir hoffen natürlich auf einen guten Deal!", sagte er. "Aber falls das nicht möglich sein sollte, bereitet sich die Regierung auf alle Szenarios vor."

Fragt man die DExEU-Leute, wie ein "No Deal"-Szenario aussehen würde, reißen sie die Augen auf. Die Zukunft vorhersehen kann niemand. Doch grob skizziert würde "No Deal" bedeuten, dass Großbritannien mit seinem Austritt im März 2019 aus dem rechtlichen Rahmen der EU herausfallen würde – cliff edge nennen die Briten dieses Szenario. Da es nicht mehr Mitglied des Europäischen Binnenmarktes wäre, gälten nur noch die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Neue Zölle, Regulierungen und Grenzkontrollen würden entstehen. Der Import von griechischem Olivenöl und deutschen Autos würde teurer werden, am Hafen von Dover würden sich die Lastwagen an der Zollabfertigung stauen. Die London School of Economics schätzt, dass dies den britisch-europäischen Handel in den kommenden zehn Jahren um 40 Prozent verringern könnte.

Ohne Deal würde die Arbeit des DExEU noch komplizierter, die Regierungskrise noch tiefer werden. Lauter neue offene Fragen kämen auf:

Müssten Europäer zukünftig Visa beantragen, um in Großbritannien zu arbeiten, zu studieren oder auch nur, um das Land zu besuchen?

British Airways darf im Rahmen des europäischen Open-Skies-Abkommens europäische Routen fliegen. Würde die Gesellschaft ihren Flugverkehr nach Europa einschränken müssen?

Bisher wurden britische Medikamente von der Europäischen Arzneimittel-Agentur überprüft und für den Export freigegeben. Würden sie zukünftig für jedes Land eine eigene Genehmigung benötigen?

Man merkt den britischen Beamten an, dass sie sich um Zuversicht bemühen. Sie betonen die vielen Fortschritte, die große Einigkeit in vielen Fragen. Eins aber verstört sie: der Mangel an Vertrauen. Seit dem Referendum, ist ihr Eindruck, haben sich die Europäer von ihnen verletzt abgewendet, nun wollten sie die abtrünnigen Briten bestrafen. Sie ziehen die Schultern hoch: Wir geben doch unser Bestes – warum sind die anderen so kompromisslos?! Wenn sich erst einmal wieder das Vertrauen herstellen ließe, sagen die Beamten, könnte Großbritannien auch nach dem Brexit ein guter und enger Partner der Europäer sein.

Natürlich haben sie recht damit. Für beide Seiten wäre es am besten, wenn es so käme. Doch der Brexit ist eine Geschichte der zerplatzten Illusionen und der enttäuschten Hoffnungen. Niemand weiß das besser als die Beamten im Abschiedsministerium ohne Klingelschild.