Geht es um die Seele der Schanze? Oder nur darum, dass Anwohner schlecht schlafen und ihren Stadtteil nicht mehr wiedererkennen? Ist die Zukunft der Bar- und Clubkultur in Hamburgs Szenestadtteilen in Gefahr? Oder wollen hier bloß junge Leute günstig feiern? Darüber wird gerade heftig gestritten auf St. Pauli und in der Schanze. Und die Politik? Die hat nun wenigstens mal zu einem Treffen eingeladen: zum Diskutieren über das Cornern.

Cornern bedeutet eigentlich nicht viel mehr als an einer Ecke rumstehen und trinken. Das Problem ist nur: An den beliebten Ecken, etwa am Neuen Pferdemarkt, kommen bei gutem Wetter viele Hunderte Menschen zusammen. Sie kaufen Getränke günstig im Kiosk, viele von ihnen sitzen friedlich auf dem Straßenpflaster, andere grölen bis spät in die Nacht, pinkeln in Hauseingänge und nutzen Clubs und Bars nur noch als Toiletten und Tanzflächen. Es ist nicht schwer, in Hamburgs Ausgehvierteln Menschen zu finden, die das Cornern verteufeln. Die Frage ist nur: Wie soll man mit dem Phänomen am besten umgehen?

Das Bezirksamt Altona hat in einen Seminarraum im JesusCenter am Schulterblatt eingeladen. Titel der Veranstaltung: "Gesprächsrunde Cornern". Das Phänomen sei in der Bronx entstanden, erklärt Jürgen Landbehn zu Beginn. Landbehn leitet das zuständige Fachamt für Verbraucherschutz und Umwelt im Bezirksamt. Und er findet, wenn es hier schon um den Verfall der Kultur gehe, müsse auch das Cornern kulturhistorisch eingeordnet werden. Also: In den Siebzigern, sagt er, hätte das etwas mit jungen Leuten, Musik und Tanzen zu tun gehabt, seit 2010 beobachte man den Trend in Hamburg.

Die anwesenden Anwohner beeindruckt die Einordnung nicht. Sie berichten von unerträglichem Lärm, jede Nacht. Von Wildpinklern, von Erbrochenem und Urin in Hauseingängen, Kot in Vorgärten. "Jeder macht hier, was er will", klagt einer. "Es gibt keine Gegenwehr mehr – alle haben resigniert." Eine Frau, Mitte fünfzig, sagt, sie wäre längst weggezogen aus dem Schanzenviertel, aber das könne sie sich nicht leisten, bei den Neuvermietungspreisen in Hamburg. So wie ihr geht es vielen: Sie sind ins Viertel gezogen, als sie jung waren und die Schanze ein Sanierungsgebiet mit ein paar Kneipen und Schmuddelcharme war. Heute erleben sie ihr Viertel bei gutem Wetter als ein Freiluftgehege für trinkwütige Horden junger Menschen, eine Art regelbefreite Zone, in der niemand auf nichts Rücksicht nehmen muss.

Neben den trinkwütigen Jugendlichen machen die Anwohner vor allem eine Einrichtung für die Misere verantwortlich: die Kioske, von vielen "Saufkioske" genannt. Mehr als 50 solcher Läden gibt es auf der Reeperbahn und in ihrer unmittelbaren Umgebung. Es gibt sie, weil sich vor rund zehn Jahren die Gesetze änderten. Seither sind Kioske gewerberechtlich kleine Lebensmittel-Einzelhandelsbetriebe, damit dürfen sie ihr Geschäft werktags rund um die Uhr betreiben, ohne dass behördliche Stellen ihre Erlaubnis geben müssen. Auf St. Pauli brauchen sie nicht mal eine Ausschankgenehmigung. Weil seit 2009 Glasflaschen verboten sind, müssen sie ohnehin umfüllen. Und so gibt es an den Kiosken auf dem Kiez auch die Caipi für 3,50 Euro.

Kioske dürfen rund um die Uhr verkaufen. Bars haben strengere Auflagen

Das schadet vor allem den Club- und Barbesitzern. "Die Leute kaufen ihren Alk beim Kiosk, lassen sich volllaufen und rennen bei uns auf die Toilette, natürlich ohne zu fragen", sagt Oliver Hörr, der seit den Neunzigern den Saal 2 auf dem Schulterblatt betreibt. "Sie flirten die Frauen bei uns im Laden dumm an und setzen sich draußen auf unsere Stühle, um ihr Dosenbier zu trinken. Wenn du sie darauf ansprichst, heißt es: ›Alter, das ist doch hier die Schanze!‹" Für die Trinkwütigen ist die Rechnung einfach: Statt 7,50 Euro für einen Longdrink in einem Club bezahlen sie nebenan lieber 13 Euro für eine ganze Flasche Wodka und zwei Flaschen Energy-Brause.

Für die Bars und Kneipen ist das doppelt bitter, denn sie verlieren nicht nur die Einnahmen, sie sind auch an viel strengere Auflagen gebunden, etwa beim Thema Ruhestörung, die von ihren Gästen vor der Tür ausgeht. Kioskbetreiber sind nicht dafür haftbar zu machen, was vor ihrer Tür passiert. Wenn ihre Läden kleiner als 50 Quadratmeter sind, brauchen sie nicht mal Gästetoiletten einzubauen.