Emmanuel Macron, der neue französische Präsident, verrät gern, dass er in seiner Jugend nicht weniger als drei unveröffentlichte Romane verfasst habe. Nach seinen literarischen Präferenzen oder womöglich sogar Vorläufern gefragt, nannte Macron neben Autoren wie André Gide, René Char und Albert Camus stets auch Julien Gracq. Das scheint an sich wenig originell, stieg der 1910 als Louis Poirier geborene Gracq in Frankreich doch bereits zu Lebzeiten zum bewunderten Klassiker auf. Gracq selbst, der sich zeitlebens in offensiver Ferne zum französischen Literatur- wie Politikbetrieb bewegte und der bis zur Rente seinem Beruf als Geografielehrer nachging, hätte Macrons Bekenntnis sicher verächtlich übergangen.

Bereits 1950 eröffnete er einen Essay mit der Feststellung, Frankreich sei ein Land, das traditionell seinen Politikern misstraue, das ausgerechnet seinen Schriftstellern aber aufs Wort glaube. Ob die Selbstinszenierungen Macrons insgeheim vielleicht das Ziel verfolgen, jenen Kredit, den Frankreich seinen Politikern vorenthält, nunmehr als eine Art Autor-Präsident doch noch gewährt zu bekommen?

Macrons Gracq-Begeisterung verrät jedenfalls eine ideologische Unbefangenheit literarischen Inhalten gegenüber, wie sie in Deutschland kaum denkbar wäre. Dass Gracq diesseits des Rheins trotz zahlreicher Übersetzungen ein Geheimtipp geblieben ist, scheint allzu verständlich. Gracqs Leidenschaft ist der Krieg, auf den er einen aus heutiger Sicht unkonventionellen und mitunter schon angestrengt kühnen Blick wirft. Der Krieg ist das große Abenteuer, dem sich seine Romanhelden zu stellen haben und mit diesen die gesamte Literaturgeschichte. Das zeigt sich deutlich auch an Gracqs Einschätzung der deutschen Literatur. In dieser war er tief verwurzelt, er setzte jedoch zuverlässig auf die "falschen" Autoren. Als seinen bedeutendsten Einfluss wies er zeitlebens Ernst Jünger aus. Für Jüngers Auf den Marmorklippen von 1939 hätte er in seinen eigenen Worten "nahezu die gesamte französische Literatur der letzten zehn Jahre hergegeben".

Nicht anfreunden konnte sich Gracq dagegen mit Goethe, der ihm meist saftlos und "dekorativ" vorkommen wollte. Wilhelm Meister und Faust II hätten ihm nach der Lektüre im Magen gelegen "wie ein kalter Kalbsbraten mit Mayonnaise". Die wichtigste Ursache für die Überlegenheit Jüngers über Goethe hatte der Autor dabei schnell ausfindig gemacht: Es habe Goethe am Organ für "Grenzerfahrungen" und namentlich für die "Probe des Feuers" gebrochen.

Nun ist in deutscher Übersetzung aus Gracqs Nachlass gerade das (allerdings so gut wie fertige) Romanfragment Das Abendreich erschienen, das in den frühen fünfziger Jahren verfasst wurde und das eine Art Seitenstück zu seinem bekanntesten Roman Das Ufer der Syrten von 1951 darstellt. Beide Texte werden in einer seltsam müde und satt gewordenen Vorzeit angesiedelt, die allein eine "Probe des Feuers" zu sprengen vermag. Es ist gleichwohl nicht die Kriegsdarstellung im engeren Sinn, die Gracqs Romane charakterisiert. Vielmehr lastet der Krieg auf ihrer Handlung als ein zugleich einzigartiges und abnormes Versprechen.

Der Krieg verheißt Aufbruch, Erlebnis, neue Gemeinschaftsbildung und sogar Erotik. Wichtiger als der Krieg selbst ist dabei die Erwartung des Kriegs, der Weg in den Krieg hinein. Zum Höhepunkt von Das Abendreich gehört die seitenlange Schilderung einer verfallenden Straße, die "vom nachwachsenden Fleisch der Erde aufgezehrt wird", die aber mühsam begangen oder beritten sein will, auf dass der Kriegsschauplatz irgendwann erreicht werde.

Die Anspannung angesichts der bevorstehenden Schlacht gebiert einen sowohl neuen als auch archaischen Blick auf die Stellung des Menschen in Raum und Zeit. Es sind furiose Landschaftsbeschreibungen, die Das Abendreich ausmachen. Unterwegs zur Front treten in den Augen des Ich-Erzählers "Hänge hervor, als hätte man ein Laken weggezogen". Und in der Tat gewinnt man bei der Lektüre der besten Passagen des Buches den Eindruck, die Erde sei bisher überdeckt gewesen und habe jahrhundertelang darauf gewartet, von Gracq entblößt zu werden.

Ein "eisiger Lüstling der Barbarei"?

Seine aufwühlenden Bilder stehen im Dienst nicht einer Vermessung der Welt, sondern in einer poetischen Erkundung der Erde. Unter der Hand arbeitet sich Das Abendreich an nichts Geringerem ab als an der literarischen Revision des kopernikanischen Weltbildes. Gracq ist der große Autor des finis terrae. So gibt der Roman etwa eine Dünenregion als "Ausläufer der Erde" zu sehen, von der aus "das weitläufige und graue Meer leise den stillen Morgen abweidet". Den Himmel wiederum wähnt der Ich-Erzähler "mit dem glänzenden Silberschleim gewaschen, den man morgens auf den Alleen der feuchten Gärten sieht". Nicht ungesagt bleiben soll, dass die Übersetzung Dieter Hornigs sich gerade an solchen Stellen nie wie eine Übersetzung liest und dass sie manchmal suggestiver ausfällt als das Original.

Die Provokation Gracqs lässt sich nun aber ästhetisch nicht einfach neutralisieren. Denn es ist schlicht und ergreifend der Krieg, der seine Weltanschauung überhaupt erst generiert. Das wird am Ende des Romans offenkundig, wenn feindliche Horden ins Abendreich einfallen und sie seine Festungen buchstäblich im Sturm erobern. Nach der ersten Schlacht nimmt der Erzähler den Zug der Kriegsgefangenen als eine "Raupe" wahr, die von den Siegern zeremoniell durch die Landschaft geleitet und dann sukzessive zerstückelt wird. Nach einem strengen Ordnungsmuster schlägt man den Gefangenen den Kopf ab, und sprachlich steht die Schilderung dieses Massakers dem "gewaschenen Himmel" kaum nach. Sollte auf Julien Gracq also das zutreffen, was Thomas Mann über Gracqs selbst erklärtes Vorbild Jünger geschrieben hatte: Ist er ein "eisiger Lüstling der Barbarei"?

Man kann diese Frage nicht beantworten, ohne einen knappen Blick auf die fünfziger Jahre zu werfen, in denen Gracqs Werk größtenteils entsteht. Besonders befremdlich scheint von heute aus betrachtet der Umstand, dass ein Autor unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und während der Hochphase der atomaren Bedrohung poetische Hoffnung aus dem Krieg zu schöpfen suchte. Und doch ist es paradoxerweise das Zeitgeschehen, gegen das Gracq seine literarischen Kriege in Stellung bringt. Nach einer antiken Sage kann allein jenes Schwert, das die Wunde schlug, diese auch heilen. Hierauf scheint Gracq wie kaum ein anderer zu vertrauen. Gegen den Krieg hilft allein der Krieg, im Anblick der Atombombe wetzt Gracq noch einmal das Schwert. Nicht inhaltlich, sondern optisch und darstellerisch.

Der ganz zu Unrecht fast vergessene Philosoph Günther Anders publizierte seit 1956 Studien über Die Antiquiertheit des Menschen. Dabei beschäftigte er sich auch mit dem überholten Aussehen der Dinge und vor allem der Technik. Mit Blick auf die Atombombe, mit Blick aber auch etwa auf die Zyklon-B-Dosen der Nazis sprach Anders von der "negativen Protzerei" dieser Objekte. Das "an ihnen Wahrnehmbare" habe "mit ihrer Bewandtnis nichts mehr zu tun", ihr Aussehen würde "mit ihrem Wesen nicht koinzidieren". Gracqs gesamte Literatur geht unterschwellig von exakt dieser Irritation aus. Sie versucht obsessiv, die Dinge wieder in Einklang mit ihrem Wesen zu bringen und sie trotz exorbitanter Metaphernketten vor jeder Bedeutung oder Symbolik radikal in Schutz zu nehmen. Gracqs Erde besticht allein durch ihre Plastizität.

Unter gewaltigem literarischem Aufwand entwirft Das Abendreich Szenerien, in denen "die Dinge ihr Gewicht wiegen", wie es bezeichnenderweise über alte Bücher, Werkzeuge und Waffen gleichermaßen an zentraler Stelle heißt. Genau hier liegt die tiefe Verbindung von Krieg, Erde und Landschaft. Im Unterschied zur realen Welt soll im Roman alles so aussehen, wie es ist oder wie es sein müsste. Dem "Gewicht" der Dinge presst Gracq unermüdlich ihr visuelles Korrelat ab. Ein Kriegstreiber und Berserker ist Gracq weniger auf inhaltlicher oder motivischer Ebene als auf poetischer. Die Bilder seiner Prosa sind bewaffnet bis an die Zähne, ganz unabhängig davon, ob sie nun das Meer, eine Straße, den Himmel oder das Blut anpreisen.

Garant oder Statthalter eines vermeintlich realen "Gewichts der Dinge" kann freilich nichts anderes sein als die literarische Fantasie, auf deren Möglichkeiten und auf deren Zurichtungen Gracq in seinen essayistischen Texten immer wieder zu sprechen kam. Gegen Sartre wendete er ein, dass die Fantasie sich "schlecht an Lebendigem festbeißt". Gracqs Metier war im Gegenzug folglich das Tote und das unwiederbringlich Verlorene, das aber eben fantastische Möglichkeiten barg. Der "Geist der Geschichte" müsse begriffen werden wie ein "Weingeist", damit er "im Kontakt mit der Fantasie in Flammen aufgehe".

Mit Blick auf Gracqs Literatur ist damit aber nur der Idealfall beschrieben. In der einzigen Bibliotheksszene von Das Abendreich trifft der Erzähler auf "überlebte Titel – ein fades und sauer gewordenes Bouquet – eine verblühte Tinte, über die man lächelt". Die Gefahr der Lächerlichkeit lauert hinter jeder Silbe, die dieser Autor je geschrieben hat, und dass er ihr zu begegnen wusste, macht seine Prosa zu einem grausamen Wunder.

Julien Gracq: Das Abendreich. Roman; a. d. Franz. und mit einem Nachwort von Dieter Hornig;
Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 2017; 224 S., 23,– €