Seine aufwühlenden Bilder stehen im Dienst nicht einer Vermessung der Welt, sondern in einer poetischen Erkundung der Erde. Unter der Hand arbeitet sich Das Abendreich an nichts Geringerem ab als an der literarischen Revision des kopernikanischen Weltbildes. Gracq ist der große Autor des finis terrae. So gibt der Roman etwa eine Dünenregion als "Ausläufer der Erde" zu sehen, von der aus "das weitläufige und graue Meer leise den stillen Morgen abweidet". Den Himmel wiederum wähnt der Ich-Erzähler "mit dem glänzenden Silberschleim gewaschen, den man morgens auf den Alleen der feuchten Gärten sieht". Nicht ungesagt bleiben soll, dass die Übersetzung Dieter Hornigs sich gerade an solchen Stellen nie wie eine Übersetzung liest und dass sie manchmal suggestiver ausfällt als das Original.

Die Provokation Gracqs lässt sich nun aber ästhetisch nicht einfach neutralisieren. Denn es ist schlicht und ergreifend der Krieg, der seine Weltanschauung überhaupt erst generiert. Das wird am Ende des Romans offenkundig, wenn feindliche Horden ins Abendreich einfallen und sie seine Festungen buchstäblich im Sturm erobern. Nach der ersten Schlacht nimmt der Erzähler den Zug der Kriegsgefangenen als eine "Raupe" wahr, die von den Siegern zeremoniell durch die Landschaft geleitet und dann sukzessive zerstückelt wird. Nach einem strengen Ordnungsmuster schlägt man den Gefangenen den Kopf ab, und sprachlich steht die Schilderung dieses Massakers dem "gewaschenen Himmel" kaum nach. Sollte auf Julien Gracq also das zutreffen, was Thomas Mann über Gracqs selbst erklärtes Vorbild Jünger geschrieben hatte: Ist er ein "eisiger Lüstling der Barbarei"?

Man kann diese Frage nicht beantworten, ohne einen knappen Blick auf die fünfziger Jahre zu werfen, in denen Gracqs Werk größtenteils entsteht. Besonders befremdlich scheint von heute aus betrachtet der Umstand, dass ein Autor unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und während der Hochphase der atomaren Bedrohung poetische Hoffnung aus dem Krieg zu schöpfen suchte. Und doch ist es paradoxerweise das Zeitgeschehen, gegen das Gracq seine literarischen Kriege in Stellung bringt. Nach einer antiken Sage kann allein jenes Schwert, das die Wunde schlug, diese auch heilen. Hierauf scheint Gracq wie kaum ein anderer zu vertrauen. Gegen den Krieg hilft allein der Krieg, im Anblick der Atombombe wetzt Gracq noch einmal das Schwert. Nicht inhaltlich, sondern optisch und darstellerisch.

Der ganz zu Unrecht fast vergessene Philosoph Günther Anders publizierte seit 1956 Studien über Die Antiquiertheit des Menschen. Dabei beschäftigte er sich auch mit dem überholten Aussehen der Dinge und vor allem der Technik. Mit Blick auf die Atombombe, mit Blick aber auch etwa auf die Zyklon-B-Dosen der Nazis sprach Anders von der "negativen Protzerei" dieser Objekte. Das "an ihnen Wahrnehmbare" habe "mit ihrer Bewandtnis nichts mehr zu tun", ihr Aussehen würde "mit ihrem Wesen nicht koinzidieren". Gracqs gesamte Literatur geht unterschwellig von exakt dieser Irritation aus. Sie versucht obsessiv, die Dinge wieder in Einklang mit ihrem Wesen zu bringen und sie trotz exorbitanter Metaphernketten vor jeder Bedeutung oder Symbolik radikal in Schutz zu nehmen. Gracqs Erde besticht allein durch ihre Plastizität.

Unter gewaltigem literarischem Aufwand entwirft Das Abendreich Szenerien, in denen "die Dinge ihr Gewicht wiegen", wie es bezeichnenderweise über alte Bücher, Werkzeuge und Waffen gleichermaßen an zentraler Stelle heißt. Genau hier liegt die tiefe Verbindung von Krieg, Erde und Landschaft. Im Unterschied zur realen Welt soll im Roman alles so aussehen, wie es ist oder wie es sein müsste. Dem "Gewicht" der Dinge presst Gracq unermüdlich ihr visuelles Korrelat ab. Ein Kriegstreiber und Berserker ist Gracq weniger auf inhaltlicher oder motivischer Ebene als auf poetischer. Die Bilder seiner Prosa sind bewaffnet bis an die Zähne, ganz unabhängig davon, ob sie nun das Meer, eine Straße, den Himmel oder das Blut anpreisen.

Garant oder Statthalter eines vermeintlich realen "Gewichts der Dinge" kann freilich nichts anderes sein als die literarische Fantasie, auf deren Möglichkeiten und auf deren Zurichtungen Gracq in seinen essayistischen Texten immer wieder zu sprechen kam. Gegen Sartre wendete er ein, dass die Fantasie sich "schlecht an Lebendigem festbeißt". Gracqs Metier war im Gegenzug folglich das Tote und das unwiederbringlich Verlorene, das aber eben fantastische Möglichkeiten barg. Der "Geist der Geschichte" müsse begriffen werden wie ein "Weingeist", damit er "im Kontakt mit der Fantasie in Flammen aufgehe".

Mit Blick auf Gracqs Literatur ist damit aber nur der Idealfall beschrieben. In der einzigen Bibliotheksszene von Das Abendreich trifft der Erzähler auf "überlebte Titel – ein fades und sauer gewordenes Bouquet – eine verblühte Tinte, über die man lächelt". Die Gefahr der Lächerlichkeit lauert hinter jeder Silbe, die dieser Autor je geschrieben hat, und dass er ihr zu begegnen wusste, macht seine Prosa zu einem grausamen Wunder.

Julien Gracq: Das Abendreich. Roman; a. d. Franz. und mit einem Nachwort von Dieter Hornig;
Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 2017; 224 S., 23,– €