Scott Chacon steckt ein Flug um die halbe Welt in den Knochen an diesem Dienstagmorgen, und nicht nur die Müdigkeit wäre ein Anlass, auf Deutschland zu schimpfen. Er könnte sich darüber ärgern, dass seine Familie in Berkeley in Kalifornien lebt, viele Flugstunden entfernt. Er könnte sich über den Papierkram ereifern, den er für ein Schengen-Visum erledigen muss, obwohl er doch gerade in Berlin Arbeitsplätze schafft. Er könnte sich darüber beklagen, wie kompliziert es für ihn war, ein Bankkonto zu eröffnen, das er brauchte, um eine GmbH gründen zu dürfen. Beides wiederum war nötig, damit er überhaupt Büroräume anmieten konnte. "Alles, was mit den Behörden zu tun hat, ist hier kompliziert", sagt der 38-Jährige.

"Alles, was mit den Behörden zu tun hat, ist hier kompliziert."
Scott Chacon, 38 Jahre

Dennoch ist Chacon, Unternehmer und Programmierer, vor allem: voll des Lobes. Berlin sei ein fantastischer Ort, um Chatterbug aufzubauen, seine neue Sprachenlern-Plattform im Internet. Es gebe hier viele Programmierer, die etwas draufhätten und die günstiger seien als in seiner Heimat, dem kalifornischen Silicon Valley. Acht Jahre hat Chacon dort Github aufgebaut, ein Internet-Unternehmen mit inzwischen 700 Mitarbeitern. Nun startet er sein nächstes Projekt – und der größere Teil seines zwölfköpfigen Teams sitzt in einem Altbau in Prenzlauer Berg. "Berlin", sagt Chacon, "ist für Gründer der beste Ausgangspunkt, um in Europa zu expandieren."

Die hiesige Gründerszene wird zu einem wichtigen Teil von Menschen aus dem Ausland geprägt.

So sieht das nicht nur Scott Chacon. Längst übt Berlin einen Sog auf Gründer aus aller Welt aus. Längst wird die hiesige Gründerszene zu einem wichtigen Teil von Menschen aus dem Ausland geprägt; Gründern wie Scott Chacon auf der einen Seite, Mitarbeitern auf der anderen.

Einen Beleg dafür liefert jetzt der Deutsche Startup Monitor 2017, die wichtigste Umfrage unter Gründern innovativer Firmen in Deutschland. Der Bundesverband Deutsche Startups (BDS) hat dafür Vertreter von fast 2000 Jungunternehmen befragt. Auffällig ist ihr Optimismus: Nur einer von zehn Befragten bewertet seine Geschäftslage als schlecht, nicht einmal jeder 20. fürchtet eine Verschlechterung. Im Schnitt wollen die Firmen im kommenden Jahr 7,5 Mitarbeiter einstellen; und acht von zehn planen die Expansion ins Ausland. Vor allem aber sind zwei Drittel der Befragten überzeugt, dass die deutsche Gründerszene durch die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland profitiere; nur jeder zehnte glaubt nicht, dass Zuwanderung der Szene hilft.

Wie wichtig das Thema der Szene ist, das erklären ihre Vertreter immer wieder in Interviews, in Gesprächen mit Politikern, auf Konferenzen. Selbst die Studie präsentierten sie an einem Ort, der zur Botschaft passt: in den Büros des Unternehmens Door2Door, bei dem mehr als jeder zweite Mitarbeiter aus dem Ausland stammt (ZEIT Nr. 30/17). Für das Unternehmen seien sie existenziell, sagt Gründer Tom Kirschbaum: "Wenn wir keine internationalen Fachkräfte einstellen könnten, würde es hier gar keine Arbeitsplätze geben."